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Adoleszenz beim Hund: was in der Pubertät wirklich passiert
Der Welpe, der eben noch zuverlässig mitgemacht hat, hört plötzlich schlechter, ist schneller abgelenkt und erschrickt vor Dingen, die ihm gestern egal waren. Das sind typische Anzeichen dafür, dass die Pubertät begonnen hat. Was wie ein Rückschritt aussieht, kann Teil einer normalen Entwicklungsphase sein.
Zwei Arten von Erwachsenwerden
Wichtig ist eine Unterscheidung: Geschlechtsreife und soziale Reife sind nicht dasselbe. Die Pubertät beginnt bei vielen Rüden etwa zwischen sechs und neun Monaten; geschlechtsreif sind die meisten Hunde im Lauf des ersten Lebensjahres. Bei Hündinnen kann das je nach Hund und Rasse auch später einsetzen. Sozial und verhaltensbezogen erwachsen wird ein Hund später. Viele Hunde wirken erst mit zwei bis drei Jahren im Alltag deutlich ausgeglichener. Die Adoleszenz liegt dazwischen. Sie beginnt grob mit der Pubertät und kann bis etwa zum zweiten Lebensjahr reichen, bei grossen Rassen oder spätreifenden Hunden auch darüber hinaus. Anders gesagt: Der Körper ist oft früher erwachsen als Regulation, Alltagssicherheit und soziale Reife.
Was im Kopf passiert
In dieser Zeit verändert sich nicht nur der Körper. Auch Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, emotionale Reaktivität und Erregbarkeit können schwanken. Was wie Sturheit oder Dominanz aussieht, ist meist Ausdruck einer Entwicklungsphase, in der vieles gleichzeitig passiert. Eine Längsschnittstudie an Junghunden zeigte: Rund um den achten Monat waren Hunde schwerer zu trainieren und reagierten schlechter auf bekannte Signale, vor allem gegenüber der eigenen Bezugsperson (Asher et al. 2020). Gegenüber fremden Personen zeigte sich dieser Effekt nicht in gleicher Weise. In den Fragebogendaten lag die Trainierbarkeit mit acht Monaten niedriger als mit fünf Monaten und erholte sich bis zum zwölften Monat wieder. Das ist gut belegt für die untersuchte Population, aber es bedeutet nicht, dass jeder Junghund exakt denselben Verlauf zeigt.
Dieselbe Studie fand noch etwas: Hündinnen mit Hinweisen auf eine unsichere Bindung an ihre Bezugsperson wurden früher geschlechtsreif. Ausserdem zeigten Hunde mit unsicherer Bindung dieses Konfliktverhalten stärker. Das beweist keine einfache Ursache-Wirkung-Kette, passt aber gut zu dem, was wir im Training sehen: Eine verlässliche Beziehung kann helfen, diese Phase besser abzufedern.
Wenn Bekanntes plötzlich gruselig wird
Viele Trainerinnen und Trainer beobachten in der Adoleszenz Phasen erhöhter Unsicherheit. Ein Hund weicht plötzlich vor Dingen zurück, die er längst kannte, reagiert schneller erschrocken oder braucht mehr Abstand. In der Praxis ist das breit beschrieben, wissenschaftlich aber deutlich dünner belegt als der Befund zur vorübergehend schlechteren Trainierbarkeit. Für den Alltag ist trotzdem wichtig, wie du damit umgehst: ruhig heranführen, nichts erzwingen, Distanz ermöglichen und gute Erfahrungen schaffen. Der Hund muss in solchen Momenten nicht «da durch». Er braucht Situationen, die er bewältigen kann.
Warum diese Phase heikel ist
In dieser Phase entstehen viele Missverständnisse. Aus dem süssen Welpen ist ein anstrengender Jugendlicher geworden, und manche Menschen interpretieren das als Ungehorsam, Provokation oder Charakterproblem. Gleichzeitig zählen Verhaltensprobleme in Studien zu den häufigen Gründen, warum Hunde abgegeben oder nach einer Vermittlung wieder zurückgebracht werden (Salman et al. 2000). Auch das Alter spielt eine Rolle, aber differenzierter, als es oft dargestellt wird. In einer grossen Rückgabe-Studie hatten erwachsene Hunde die höchste Rückgabewahrscheinlichkeit; junge erwachsene Hunde wurden jedoch häufiger mehrfach zurückgegeben (Powell et al. 2021). Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jeder pubertierende Hund besonders gefährdet ist. Es zeigt aber: Die Zeit nach der Welpenphase ist empfindlich, weil Erwartungen, Alltag und Verhalten oft nicht mehr zusammenpassen.
Was jetzt hilft
Konsequenz statt Strenge. Den Hund jetzt für sein Weghören zu bestrafen oder sich emotional von ihm zurückzuziehen, kann Konflikte verstärken. Trainiere weiter, aber in kurzen, positiven Einheiten und mit angepassten Erwartungen. Was gestern ging, kann heute zu schwer sein. Das ist kein Grund, alles infrage zu stellen, sondern ein Grund, das Training wieder einfacher aufzubauen.
Management ist in dieser Phase kein Scheitern. Eine Leine, eine Schleppleine, mehr Abstand, eine bessere Vorbereitung oder eine einfachere Umgebung schützen den Hund vor Fehlern, die sich ständig wiederholen. Gleichzeitig gibst du ihm die Chance, Verhalten zu zeigen, das du belohnen kannst.
Pflege die Beziehung. Gemeinsames Erkunden, ruhige Nähe, faire Regeln und berechenbares Training helfen mehr als Machtkämpfe. Bindung ersetzt kein Training, aber sie macht Training in dieser Phase tragfähiger.
Wann du dir Hilfe holen solltest
Nicht jedes Verhalten lässt sich mit Pubertät erklären. Wenn dein Hund plötzlich ernsthaft aggressiv reagiert, Menschen oder Hunde bedroht, sich kaum noch beruhigt, über Wochen immer unsicherer wird oder wenn Schmerzen, Krankheit oder hormonelle Belastungen möglich sind, solltest du nicht einfach abwarten. Dann braucht es je nach Situation eine tierärztliche Abklärung und/oder fachkundige Unterstützung im Training.
Die Pubertät ist kein Charakterfehler und kein Trainingsversagen. Sie ist eine Phase, die vorbeigeht. Wer seinen Hund jetzt ruhig begleitet, Erwartungen anpasst und weiter verlässlich trainiert, hilft ihm auf dem Weg zu dem erwachsenen Hund, auf den du die ganze Zeit hingearbeitet hast.
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Quellen und weiterführende Literatur
- Asher, L., England, G. C. W., Sommerville, R., & Harvey, N. D. (2020): Teenage dogs? Evidence for adolescent-phase conflict behaviour and an association between attachment to humans and pubertal timing in the domestic dog. Biology Letters, 16(5): 20200097. doi:10.1098/rsbl.2020.0097
- Harvey, N. D. (2021): How Old Is My Dog? Identification of Rational Age Groupings in Pet Dogs Based Upon Normative Age-Linked Processes. Frontiers in Veterinary Science, 8: 643085. doi:10.3389/fvets.2021.643085
- Powell, L., Reinhard, C., Satriale, D., Morris, M., Serpell, J., & Watson, B. (2021): Characterizing unsuccessful animal adoptions: age and breed predict the likelihood of return, reasons for return and post-return outcomes. Scientific Reports, 11: 8018. doi:10.1038/s41598-021-87649-2
- Salman, M. D., Hutchison, J., Ruch-Gallie, R., Kogan, L., New, J. C., Kass, P. H., & Scarlett, J. M. (2000): Behavioral reasons for relinquishment of dogs and cats to 12 shelters. Journal of Applied Animal Welfare Science, 3(2): 93–106. doi:10.1207/S15327604JAWS0302_2
- PDSA (o. J.): Adolescent dogs. Veterinary advice on behaviour changes, social maturity and reward-based handling during adolescence.
Ich bin Jens
Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.