Wissen, das bleibt
Warum dein Hund an der Leine zieht, und wie er es wieder verlernt
Jeder Spaziergang dasselbe Bild: Dein Hund hängt vorne in der Leine, du wirst hinterhergezogen, und von Entspannung ist wenig übrig. Viele haben schon vieles probiert: anderes Geschirr, stehenbleiben, Richtung wechseln, vielleicht auch einen Leinenruck. Manchmal hilft es kurz. Dauerhaft verändert sich wenig.
Das liegt selten daran, dass der Hund einfach stur ist. Ziehen ist meist ein sehr erfolgreiches Verhalten. Der Hund zieht, kommt voran, erreicht den Geruch, den Baum, den anderen Hund, den interessanten Weg. Aus Hundesicht lohnt sich Ziehen. Und was sich lohnt, wird wiederholt.
Was Leinenführigkeit wirklich bedeutet
Leinenführigkeit heisst nicht, dass ein Hund starr am Bein klebt. Ein Familienhund muss nicht wie im Sport-Fuss laufen, um alltagstauglich unterwegs zu sein. Gute Leinenführigkeit bedeutet, dass der Hund mit seinem Menschen verbunden bleibt, obwohl die Welt spannend ist. Die Leine hängt locker, der Hund kann schnüffeln und sich bewegen, und er verliert den Menschen trotzdem nicht aus dem Bild.
Damit das gelingt, braucht es mehr als ein Hilfsmittel. Geschirr und Leine können Sicherheit geben und den Körper schützen. Eine Kommunikation ersetzen sie damit aber noch nicht. Entscheidend ist, ob der Hund gelernt hat, dass Orientierung zum Menschen den Spaziergang besser macht.
Warum Ziehen überhaupt entsteht
Ziehen entsteht oft unbemerkt. Am Anfang ist der Welpe neugierig, man folgt ein bisschen, die Leine spannt sich, der Hund kommt trotzdem weiter. Später ist das Muster stabil: Spannung in der Leine bedeutet Bewegung nach vorn. Der Hund hat gelernt, dass schon die Spannung ihn zum Ziel bringt.
Dazu kommen Erregung und Tempo. Manche Hunde ziehen, weil sie draussen sofort hochfahren. Andere ziehen besonders bei Gerüchen oder Begegnungen. Wieder andere haben schlicht nie verstanden, wo sie an der Leine sein sollen. Leinentraining beginnt mit Beobachtung: Wann zieht der Hund? Wohin? In welchem Tempo? Und was bringt ihm das Ziehen?
Warum Ruck und Druck das Problem selten lösen
Ein Leinenruck kann Verhalten im Moment unterbrechen. Er erklärt dem Hund aber nicht, welches Verhalten stattdessen erwünscht ist. Zudem kann Druck an der Leine bei manchen Hunden die Spannung erhöhen, besonders in Begegnungen oder an engen Stellen. Dann wird die Leine selbst zum Auslöser für noch mehr Anspannung.
Uns geht es darum, dass der Hund versteht, wie lockere Leine funktioniert und warum es sich lohnt, sich am Menschen zu orientieren. Er soll mitgehen, weil ihm das etwas bringt und der Weg an lockerer Leine angenehm für ihn ist. Wie ein Hund überhaupt solche Zusammenhänge aufbaut, erfährst du in «Wie Hunde lernen».
Wie wir Leinentraining angehen
Für uns entsteht Leinenführigkeit über Beziehung und Orientierung. Wir arbeiten mit Körpersprache, Timing und fairer Belohnung. Ein Hund, der freiwillig in Verbindung bleibt, läuft anders als einer, der nur gehalten wird.
Der Aufbau beginnt in einfacher Umgebung. Der Hund bekommt Gelegenheit, richtiges Verhalten zu zeigen: Blickkontakt, Zurücknehmen des Tempos, Mitgehen bei Richtungswechsel, lockere Leine neben dem Menschen. Dieses Verhalten wird markiert und belohnt. Danach kommt die Schwierigkeit dazu: mehr Gerüche, mehr Bewegung, andere Menschen, andere Hunde.
Wie wir lockere Leine aufbauen
Im Workshop widmen wir uns gezielt diesem einen Thema. Nach einem kurzen Theorie-Teil schauen wir uns zuerst das Handling an: Wo hält der Mensch die Leine? Wie viel Spannung ist schon im System, bevor der Hund zieht? Wie bewegt sich der Mensch? Oft beginnt die Veränderung am anderen Ende der Leine, beim Menschen.
Typische Übungen sind ruhiges Anlaufen, Orientierung nach wenigen Schritten, Richtungswechsel ohne Ziehen, Belohnung an der richtigen Position und kurze Sequenzen, in denen der Hund lernt, dass lockere Leine Bewegung möglich macht. Wir trainieren in kurzen Abschnitten, damit Hund und Mensch sauber arbeiten können. Zeigt dein Hund dabei Stress, helfen dir die Stresssignale beim Hund beim Lesen seiner Körpersprache.
Was viele überrascht: Leinenführigkeit beginnt schon beim Losgehen, bei der ersten Spannung, beim Tempo und bei der Erwartung. Viele Menschen merken im Training, dass sie unbewusst ziehen, bremsen oder mitgehen und so das Muster stabilisieren, das sie ändern möchten.
Für Hunde, die nur wegen fehlender Übung ziehen, ist dieser Rahmen gut geeignet. Wenn Ziehen aber stark mit Angst, Aggression, massiver Erregung oder Hundebegegnungen verbunden ist, braucht es eventuell Personal Coaching oder Begegnungstraining. Dann geht es vor allem um den Auslöser, der dahintersteht.
Woran du erkennst, dass dein Hund sich an dir orientiert
- Die Leine hängt locker durch, und dein Hund hält von sich aus etwas Kontakt, statt vorne im Geschirr zu hängen.
- Bei einem Richtungswechsel kommt er mit, ohne dass du ihn herumziehen musst.
- Vor dem Losgehen bleibt er einen Moment ruhig und drängt nicht sofort nach vorn.
- Hängt er dagegen dauerhaft in der Spannung und nimmt dich gar nicht mehr wahr, zeigt das meist nur, dass die Umgebung gerade zu viel ist und die nächsten Schritte kleiner ausfallen dürfen.
Womit du weitermachen kannst
Leinenführigkeit ist auch Teil unserer Gruppen, vom Junghund bis zum Familienhund. Wer das Gelernte unter echten Bedingungen festigen will, übt es beim Social Walk, wo andere Hunde und Aussenreize dazukommen.
Ein entspannter Spaziergang entsteht über Verbindung. Wenn dein Hund versteht, dass lockere Leine und Orientierung sich lohnen, wird die Leine wieder das, was sie sein sollte: eine sichere Verbindung zwischen euch und ein ruhiger Teil des Alltags.
Wenn du den Spaziergang neu aufbauen möchtest, findest du den passenden Einstieg in unserem Workshop zur Leinenführigkeit.
Quellen und weiterführende Literatur
- UC Davis Veterinary Medicine: Loose Leash Walking. Trainingshandout zu Belohnung lockerer Leine und Aufbau mit steigender Ablenkung.
- AVSAB (2021): Humane Dog Training Position Statement. American Veterinary Society of Animal Behavior.
- Hiby, E. F., Rooney, N. J., & Bradshaw, J. W. S. (2004): Dog training methods: their use, effectiveness and interaction with behaviour and welfare. Animal Welfare, 13(1): 63-69.
- Vieira de Castro, A. C., et al. (2020): Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLoS ONE, 15(12): e0225023.
Ich bin Jens
Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.