Wissen, das bleibt
Dein Hund gibt ungern etwas her? Warum freiwilliges Loslassen besser wirkt als Wegnehmen
Dein Hund hat etwas im Maul, das er nicht haben sollte: eine Socke, einen Stein, etwas vom Wegrand. Du gehst hin, willst es ihm abnehmen, und er dreht sich weg, rennt davon oder schluckt schnell. Je mehr du hinterherjagst, desto reizvoller wird das Spiel und desto wertvoller der Gegenstand.
Viele Menschen denken in diesem Moment an Gehorsam. Der Hund soll doch einfach loslassen. Für den Hund sieht die Situation aber oft anders aus. Da kommt eine Hand, die etwas wegnimmt. Also lohnt es sich, schneller zu sein, auszuweichen oder festzuhalten. So entstehen Konflikte um Dinge, die am Anfang gar nicht so wichtig waren.
Warum Wegnehmen das Problem vergrössert
Wenn ein Hund immer wieder erlebt, dass Menschen ihm Dinge aus dem Maul nehmen, lernt er eine einfache Regel: Besitz ist unsicher. Was ich habe, kann mir jederzeit weggenommen werden. Manche Hunde werden dann schneller. Sie schlucken, bevor der Mensch sie erreicht. Andere laufen weg. Wieder andere beginnen, den Gegenstand zu verteidigen.
Das ist gelerntes Verhalten. Ein Verhalten, das funktioniert, wird wahrscheinlicher. Wenn Weglaufen dazu führt, dass der Hund den Gegenstand behält, wird Weglaufen stärker. Wenn Knurren dazu führt, dass Abstand entsteht, kann auch Knurren häufiger werden. Aus diesem Grund bauen wir das AUS über Kooperation auf und vermeiden Druck.
Das Prinzip: Tauschen statt Wegnehmen
Der Kern ist der Tausch. Der Hund lernt: Wenn ich etwas hergebe, verliere ich nicht einfach. Es kommt etwas Gutes nach. Manchmal bekommt er ein hochwertiges Futterstück, manchmal ein anderes Spielzeug, manchmal bekommt er den ursprünglichen Gegenstand sogar wieder zurück. Dieser letzte Punkt ist wichtig: Hergeben bedeutet so meist das Ende noch nicht.
Aus vielen ruhigen Wiederholungen entsteht ein anderes Gefühl. Die Hand des Menschen wird zur Hand, die gute Dinge ankündigt. Das Wort AUS wird zu einem Signal, das dem Hund sagt, was sich lohnt.
Warum Freiwilligkeit im Ernstfall sicherer ist
Freiwilliges Loslassen klingt im ersten Moment weicher als Wegnehmen. Im Alltag ist es aber oft der sicherere Weg. Denn wenn ein Hund gelernt hat, kooperativ zu öffnen, ist die Chance höher, dass er auch bei einem heiklen Fund ansprechbar bleibt. Gerade bei Dingen vom Wegrand ist das wichtig. Wer in Panik nach dem Maul greift, erhöht oft nur das Tempo des Hundes.
Natürlich gibt es Notfälle, in denen man handeln muss. Wenn ein Hund etwas akut Gefährliches aufgenommen hat, steht Sicherheit an erster Stelle. Bei Verdacht auf Gift oder einen verschluckten Fremdkörper zählt jede Minute: Dann kontaktierst du sofort deine Tierärztin oder den tierärztlichen Notdienst. Dafür trainieren wir vorher, damit solche Momente seltener in Hektik enden.
Wie wir das AUS aufbauen
Für uns entsteht ein zuverlässiges AUS über Vertrauen. Wir nehmen einem Hund nichts mit Gewalt aus dem Maul, weil das genau die Verteidigung erzeugen kann, die wir vermeiden wollen. Stattdessen bauen wir freiwillige Kooperation auf. Der Hund lernt, dass Hergeben sicher, verständlich und lohnend ist.
Dazu gehört auch, die Schwierigkeit klein zu halten. Wir beginnen mit Gegenständen, die der Hund zwar interessant findet, aber nicht stark verteidigen muss, und lassen Lieblingsknochen oder Fundstücke auf der Wiese am Anfang weg. Erst wenn das Prinzip verstanden ist, steigern wir den Wert der Gegenstände und die Ablenkung.
Der AUS-Workshop
Im AUS-Workshop bauen wir das freiwillige Loslassen Schritt für Schritt auf. Nach einem kurzen Einstieg in das Lernprinzip geht es direkt in die Praxis: Wie biete ich einen Tausch an? Wann sage ich das Signal? Wann greife ich noch nicht nach dem Gegenstand? Und woran erkenne ich, dass mein Hund wirklich entspannt hergibt?
Zu Beginn arbeitest du mit einfachen Gegenständen und sehr hochwertiger Belohnung. Der Hund darf erleben, dass Loslassen sich lohnt und ihm dabei nichts entzogen wird. Danach wird der Ablauf sauberer: Signal, kurze Pause, Loslassen, Markieren, Belohnen. Erst wenn diese Kette ruhig funktioniert, wird das Training schwieriger.
Ein häufiger Fehler ist, das Wort AUS zu früh und zu oft zu sagen. Dann wird es zum Hintergrundgeräusch oder zum Konfliktsignal. Ein zweiter Fehler ist der zu schlechte Tausch. Wenn der Hund einen sehr wertvollen Gegenstand hat und dafür etwas Langweiliges bekommt, lernt er Misstrauen gegenüber dem Tausch. Im Workshop geht es deshalb auch um passende Belohnung und gutes Timing.
Mit Hunden, die bereits verteidigen oder Dinge hastig verschlucken, arbeiten wir vorsichtiger. Dann geht es zuerst um Management, Abstand und einen sicheren Aufbau. Im Gruppensetting wollen wir kein Risiko austesten. Echte Ressourcenverteidigung gehört ins Personal Coaching oder, je nach Ausprägung, in spezialisierte Verhaltensberatung.
Woran du erkennst, ob das Hergeben wirklich entspannt ist
- Dein Hund kommt zu dir, statt sich wegzudrehen oder zu blockieren.
- Er öffnet das Maul locker, ohne zu hetzen oder zu erstarren.
- Nach dem Tausch bleibt er ruhig und sucht eher den nächsten Gegenstand, statt am alten zu kleben.
- Schluckt, knurrt oder erstarrt er dagegen, zeigt er dir damit, dass leichtere Gegenstände, mehr Abstand und kleinere Schritte gerade besser passen.
Woran du zu Hause weiterarbeiten kannst
Nach dem Workshop ist wichtig, das AUS nicht nur im Problemfall zu verwenden. Übe es mit harmlosen Dingen, in ruhigen Situationen und mit gutem Tausch. So bleibt das Signal positiv besetzt. Je häufiger dein Hund erlebt, dass Hergeben kein Verlust ist, desto weniger muss er festhalten.
Womit du weitermachen kannst
Geht es um echte Ressourcenverteidigung, die über normales Festhalten hinausgeht, ist Personal Coaching der richtige Rahmen, bei Bedarf ergänzt durch eine spezialisierte Verhaltensberatung. Das präzise Markieren, das beim Aufbau hilft, vertieft ihr im Klickertraining und im Shaping.
Ein gutes AUS ist eine Vereinbarung. Dein Hund weiss, was gemeint ist, und er hat gelernt, dass Loslassen sich lohnt. So wird der Alltag entspannter und im Ernstfall sicherer.
Wenn du das freiwillige Loslassen sauber aufbauen möchtest, findest du den passenden Einstieg in unserem AUS-Workshop.
Quellen und weiterführende Literatur
- AVSAB (2021): Humane Dog Training Position Statement. American Veterinary Society of Animal Behavior.
- Jacobs, J. A., Coe, J. B., Widowski, T. M., Pearl, D. L., & Niel, L. (2018): Defining and Clarifying the Terms Canine Possessive Aggression and Resource Guarding: A Study of Expert Opinion. Frontiers in Veterinary Science, 5: 115.
- Chirag Patel: The Bucket Game (Cooperative Care). Praxiskonzept zu Wahlmöglichkeit und Freiwilligkeit.
- Best Friends Animal Society: How to Teach a Dog to Trade. Praktische Anleitung zum Tauschen.
Ich bin Jens
Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.