Gewalt im Hundetraining: wo sie anfängt und was die Forschung dazu sagt

Mensch beugt sich mit erhobener Faust drohend über einen geduckten Hund

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Gewalt im Hundetraining: wo sie anfängt und was die Forschung dazu sagt

Gewalt im Hundetraining ist nicht erst der Schlag. Sie kann viel früher beginnen: beim schmerzhaften Leinenruck, bei Einschüchterung, beim absichtlichen Erschrecken oder bei Hilfsmitteln, die Angst und Schmerz nutzen. Was als Konsequenz verkauft wird, ist dann nicht einfach eine Grenze, sondern Strafe. Es lohnt sich, fachlich, ethisch und rechtlich genau hinzusehen.

Was Gewalt im Training überhaupt meint

Gewalt ist nicht nur die geballte Faust. Sie umfasst ein Spektrum von körperlichem Druck, Einschüchterung und gezielten Schreckreizen: harte Leinenrucke, Anschreien im Drohton, Wurfketten, das Auf-den-Rücken-Drehen als sogenannte Alpha-Rolle, Stachel-, Würge- und Stromhalsbänder sowie anhaltender psychischer Druck. Gemeinsam ist diesen Methoden, dass Verhalten über Schmerz, Angst, Schreck, Drohung oder Kontrollverlust unterdrückt werden soll.

Nicht jede Unterbrechung, nicht jede Grenze und nicht jedes Management ist Gewalt. Entscheidend ist, womit gearbeitet wird. Eine Grenze kann fair sein, wenn sie Orientierung gibt, den Hund nicht bedroht und ihm eine Alternative zeigt. Problematisch wird es dort, wo der Hund nicht mehr lernt, was er tun kann, sondern nur noch, was er vermeiden muss.

Warum sie so verbreitet ist

Strafe hat eine schnelle, sichtbare Wirkung. Das Verhalten stoppt im Moment, und genau das belohnt den Menschen, nicht den Hund. Dazu kommen alte Rudelführer-Bilder, eine lange Tradition harter Methoden und Vorbilder aus Fernsehen und sozialen Medien, die Härte als Souveränität inszenieren. Der Reiz des schnellen Ergebnisses ist gross. Der Preis dafür wird oft erst später sichtbar: mehr Unsicherheit, mehr Meideverhalten, mehr Stress und im ungünstigen Fall mehr Aggression.

Was die Forschung zeigt

Die Studienlage ist nicht in jedem Detail gleich stark, die Richtung ist aber über Jahre hinweg konsistent. In einer Befragung von Haltern mit Hunden, die wegen unerwünschten Verhaltens vorgestellt wurden, lösten konfrontative Methoden bei einem erheblichen Teil der Hunde aggressive Reaktionen aus (Herron et al. 2009). Reviews und neuere Vergleichsstudien zeigen ausserdem: Aversive Methoden hängen mit mehr Stress, Angst und Verhaltensproblemen zusammen und können das Wohlbefinden messbar verschlechtern.

Besonders wichtig ist der Blick auf Stromhalsbänder. In kontrollierten Untersuchungen zeigte sich kein überzeugender Vorteil gegenüber Training ohne Stromreiz; in einer späteren Studie schnitt eine Gruppe, die mit positiver Verstärkung arbeitete, bei einzelnen Erfolgsmassen sogar besser ab (Cooper et al. 2014; China et al. 2020). Gewalt ist damit nicht nur ein Risiko für das Tier. Fachlich ist sie der gewaltfreien Arbeit ebenfalls nicht überlegen.

In der Schweiz ist vieles davon verboten

Das ist kein reines Haltungsthema, sondern auch eine Rechtsfrage. Die Schweizer Tierschutzverordnung verlangt, dass Massnahmen zur Korrektur des Verhaltens von Hunden der Situation angepasst erfolgen. Nach Art. 73 TSchV verboten sind unter anderem Strafschüsse, Zughalsbänder ohne Stopp, Stachelhalsbänder, andere Führhilfen mit nach innen vorstehenden Elementen sowie übermässige Härte, etwa das Schlagen mit harten Gegenständen.

Art. 76 TSchV regelt Hilfsmittel und Geräte. Hilfsmittel dürfen nicht so verwendet werden, dass dem Hund Verletzungen oder erhebliche Schmerzen zugefügt werden oder dass er stark gereizt oder in Angst versetzt wird. Verboten sind zudem Geräte, die elektrisieren, für den Hund sehr unangenehme akustische Signale aussenden oder mittels chemischer Stoffe wirken. Was im Ausland noch verkauft oder in Videos gezeigt wird, gehört deshalb nicht automatisch in ein Schweizer Training.

Die Grauzonen ehrlich benennen

Ist ein Nein schon Gewalt? Nein. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Grenze und einer Strafe. Eine Grenze lenkt, schützt und gibt Orientierung. Strafe arbeitet mit Unbehagen, um Verhalten zu unterdrücken. Auch Management, also Leine, Abstand, ein gut vorbereitetes Umfeld oder eine Pause, ist keine Gewalt, sondern Fürsorge.

Entscheidend ist nicht, ob du etwas unterbindest, sondern wie. Führt dein Eingreifen dazu, dass dein Hund die Situation besser bewältigen kann? Oder führt es dazu, dass er Angst bekommt, meidet, erstarrt oder sich nur noch kleiner macht? Genau an dieser Stelle trennt sich faire Führung von Einschüchterung.

Was stattdessen hilft

Gewaltfreies Training heisst nicht, dass alles egal ist. Es heisst, dass Verhalten aufgebaut statt unterdrückt wird. Dazu gehören ein Umfeld, in dem der Hund überhaupt lernen kann, ausreichender Abstand zu schwierigen Reizen, passende Belohnungen, kleinschrittiger Aufbau, Pausen und ein Blick auf die Ursache des Verhaltens.

Ein Hund, der pöbelt, ist nicht automatisch respektlos. Er kann überfordert, frustriert, unsicher, schlecht geführt, gesundheitlich belastet oder schlicht nicht vorbereitet sein. Gutes Training fragt deshalb nicht nur: Wie stoppe ich das Verhalten? Sondern: Was braucht dieser Hund, damit er anders handeln kann?

Woran du faires Training erkennst

Eine gute Trainerin oder ein guter Trainer erklärt, was passiert und warum. Gearbeitet wird mit Belohnung, kleinschrittigem Aufbau, Management und Pausen, nicht mit Schmerz oder Drohung. Versprochen werden keine Wunder über Nacht, sondern ein nachvollziehbarer Weg.

Frag konkret nach: Was passiert, wenn mein Hund etwas falsch macht? Welche Hilfsmittel kommen zum Einsatz? Wie wird verhindert, dass mein Hund überfordert? Fallen Begriffe wie Stachel, Strom, Wurfkette, Alpha-Rolle oder da muss er durch, such weiter. Hilfreich ist auch ein Blick auf die Grundhaltung: Chef-, Alpha- und Rudelführer-Bilder gelten fachlich als überholt; wo sie das Training prägen, lohnt sich Nachfragen.

Gewaltfreies Training ist nicht weniger konsequent. Es ist konsequent auf eine andere Art: Es schützt, strukturiert und zeigt dem Hund, welches Verhalten sich lohnt. Im Moment dauert das manchmal länger. Dafür kostet es nichts von dem, worauf zwischen dir und deinem Hund am meisten ankommt: Vertrauen.

Wofür wir einstehen

Gewaltfreies, wissenschaftlich fundiertes Training ist für uns keine Methode unter vielen, sondern Grundhaltung. Wir haben den Kodex der Initiative für gewaltfreies Hundetraining unterschrieben und sind dort als Trainer gelistet, Teil einer Koalition von über 950 Fachpersonen für nonaversives Training. Und wir unterstützen die Kampagne FAIRPLAY MIT HUND, die einen bedürfnisorientierten Umgang vertritt, der das Wohlbefinden des Hundes über reinen Gehorsam stellt.

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Quellen und weiterführende Literatur

  1. Herron, M. E., Shofer, F. S., & Reisner, I. R. (2009): Survey of the use and outcome of confrontational and non-confrontational training methods in client-owned dogs showing undesired behaviors. Applied Animal Behaviour Science, 117(1–2): 47–54. doi:10.1016/j.applanim.2008.12.011
  2. Ziv, G. (2017): The effects of using aversive training methods in dogs – A review. Journal of Veterinary Behavior, 19: 50–60. doi:10.1016/j.jveb.2017.02.004
  3. Vieira de Castro, A. C., Fuchs, D., Morello, G. M., Pastur, S., de Sousa, L., & Olsson, I. A. S. (2020): Does training method matter? Evidence for the negative impact of aversive-based methods on companion dog welfare. PLoS ONE, 15(12): e0225023. doi:10.1371/journal.pone.0225023
  4. Cooper, J. J., Cracknell, N., Hardiman, J., Wright, H., & Mills, D. (2014): The welfare consequences and efficacy of training pet dogs with remote electronic training collars in comparison to reward based training. PLoS ONE, 9(9): e102722. doi:10.1371/journal.pone.0102722
  5. China, L., Mills, D. S., & Cooper, J. J. (2020): Efficacy of dog training with and without remote electronic collars vs. a focus on positive reinforcement. Frontiers in Veterinary Science, 7: 508. doi:10.3389/fvets.2020.00508
  6. AVSAB – American Veterinary Society of Animal Behavior (2021): Humane Dog Training Position Statement.
  7. Schweizerische Tierschutzverordnung (TSchV, SR 455.1), Art. 73 Umgang mit Hunden und Art. 76 Hilfsmittel und Geräte. Rechtsstand am 25.06.2026 geprüft.
  8. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Hunde im Recht. Merkblatt zu Umgang mit Hunden, Hilfsmitteln und Geräten.
  9. Initiative für gewaltfreies Hundetraining: Website und Positionspapier, Stand 03.04.2026: 954 unterzeichnende Fachpersonen.
  10. FAIRPLAY MIT HUND: Kampagne für gewaltfreies Hundetraining und bedürfnisorientierten Umgang mit Hunden.
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Ich bin Jens

Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.