Wissen, das bleibt
Junghund in der Flegelphase: Fundament legen und Pubertät begleiten
Vor ein paar Wochen ist dein Hund dir noch auf Schritt und Tritt gefolgt. Jetzt zieht er an der Leine, hört bei Ablenkung weg und scheint manchmal zu vergessen, was gestern noch gut lief. Willkommen in der Junghundezeit. Von selbst erledigt sie sich nicht. In dieser Zeit entsteht die Grundlage, auf der später vieles aufbaut.
Worum es in dieser Zeit geht
Die Junghundezeit beginnt, wenn die Welpenzeit endet, etwa ab dem vierten Monat, und zieht sich je nach Typ und Rasse bis weit ins zweite Lebensjahr. In dieser Spanne passieren zwei Dinge. Zuerst legst du ein Fundament, solange dein Hund offen, neugierig und gut ansprechbar ist. Später, wenn die Pubertät dazukommt, geht es darum, ihn durch eine stürmischere Zeit zu begleiten, ohne dass Beziehung, Orientierung und Alltag verloren gehen. Deshalb erziehen wir Junghunde in zwei Stufen: Beginner und Adoleszenz. Hunde funktionieren zwar nicht nach Kalender. Aber ein vier Monate alter Hund hat andere Aufgaben als einer mitten in der Pubertät.
Was in der Pubertät passiert
Mitten in der Junghundezeit liegt die Pubertät, umgangssprachlich die Flegelphase. Das Gehirn baut um, Aussenreize wirken stärker, Impulse sind schwerer zu bremsen, und manches Verhalten wirkt plötzlich unberechenbar. Dass ein Junghund auf einmal nicht mehr hört, sieht aus wie Sturheit. Meistens ist es aber Entwicklung. Studien zeigen, dass Hunde rund um die Pubertät auf ihren Bezugsmenschen schlechter hören (Asher et al. 2020). Das heisst nicht, dass jetzt alles laufen darf. Das Training muss nur fair aufgebaut sein. Signale übst du unter Bedingungen, die der Hund schafft, und die Ablenkung steigerst du in kleinen Schritten. Hat er einen schlechten Tag, ist das kein Trotz. Es ist ein Zeichen, dass du den Rahmen anpassen solltest.
Wie wir diese Zeit sehen
Für uns ist die Junghundezeit keine Frage von Strenge oder Durchsetzen. Ein Hund, der gerade vieles infrage stellt, braucht keine härtere Hand. Er braucht verlässliche Führung, faire Regeln und Menschen, die Entwicklung von Ungehorsam unterscheiden können. Wir arbeiten über gewaltfreie Kommunikation und kleine, klare Schritte, und über eine Beziehung, die auch dann trägt, wenn es schwieriger wird. Das heisst faire Grenzen ohne Einschüchterung. Dazu gehört auch, Situationen vorauszudenken, statt den Hund ständig zu kontrollieren. Je früher diese Basis steht, desto leichter wird die spätere Zeit.
Beginner: das Fundament, bevor es stürmisch wird
Die Beginner-Gruppe richtet sich an junge Hunde etwa vom vierten bis achten Monat. Hier geht es um Grundlagen, noch nicht um Tempo. Dein Hund lernt, sich an dir zu orientieren, mit dir zusammenzuarbeiten und kleine Herausforderungen zu bewältigen, ohne innerlich zu überdrehen.
Eine Einheit beginnt mit Ankommen. Wir schauen zuerst, wie der Hund heute da ist: aufgeregt, müde, neugierig, unsicher oder sehr nach vorne? Daraus ergibt sich, wie viel Nähe, Abstand und Schwierigkeit sinnvoll sind. Dann folgen kurze Übungen: Orientierung an der Leine, Ansprechbarkeit, erste Alltagssignale, Rückrufaufbau, Ruhe neben anderen Hunden. Dabei zählt nicht nur, ob der Hund etwas ausführt. Genauso wichtig ist, wie er dabei bleibt: erreichbar, interessiert und noch bereit zu lernen.
Ein typisches Bild: Der junge Hund möchte zu allem hin, zu Menschen, Hunden, Gerüchen, Bewegungen. Viele Halter versuchen dann, ihn nur zurückzuhalten. Wir drehen die Aufgabe um. Der Hund lernt, sich kurz zu orientieren, eine Alternative anzunehmen und wieder mit seinem Menschen in Kontakt zu kommen. Der Aha-Moment ist meist derselbe: Leine und Signal ersetzen keine Beziehung. Auch für dich als Halter ist diese Zeit wichtig. Du lernst, Verhalten früher zu lesen, Belohnungen sinnvoll einzusetzen und nicht jede Kleinigkeit sofort als Problem zu sehen.
Adoleszenz: wenn die Welt lauter wird
Ab etwa acht Monaten verschiebt sich der Schwerpunkt. Viele Hunde werden reaktiver, schneller erregbar oder wählerischer in dem, was sie aufnehmen. Aussenreize gewinnen an Gewicht: andere Hunde, Wildgeruch, Menschen, neue Orte. Junghunde testen jetzt keine Grenzen, um dich zu ärgern. Sie erleben ihre Umwelt anders und brauchen einen Rahmen, der damit umgehen kann.
In der Adoleszenz-Gruppe geht es deshalb stärker um Regulation. Wir üben Signale unter Ablenkung, aber nicht als Prüfung. Es geht um Aufbau. Dabei achten wir auf Körpersprache, Abstand, Erregung und Belastbarkeit. Eine Einheit mischt kontrollierte Begegnung, Signalarbeit und Ruhe. Wichtig ist, dass die Hunde nicht in Situationen geschoben werden, die sie noch nicht bewältigen.
Ein Beispiel: Zwei Junghunde sehen sich auf Distanz, der eine fixiert, der andere wird schneller, der Mensch spannt die Leine. Leicht wäre jetzt, nur am Symptom zu arbeiten: Leine kurz, weiterziehen, «Nein». Sinnvoller ist, die Distanz so zu wählen, dass der Hund noch denken und sich zum Menschen orientieren kann, und eine ruhige Alternative zu belohnen. So lernt er wirklich etwas, statt nur durchzuhalten. Was viele überrascht: Weniger Druck führt oft zu mehr Kooperation. Wer die Situation früher erkennt, kann führen, bevor aus Anspannung ein Konflikt wird.
Entwicklung oder Sturheit? Woran du den Unterschied siehst
Was wie Trotz wirkt, ist in dieser Zeit meistens Entwicklung. Daran erkennst du es:
- Er reagiert schlechter bei Aufregung, Ablenkung oder an neuen Orten, aber zu Hause in Ruhe klappt es.
- Es schwankt von Tag zu Tag, statt gleichmässig schlechter zu werden.
- Unter Reizen wird er langsamer oder abgelenkt, nicht gezielt widerständig.
- Mit mehr Abstand oder einer kleineren Aufgabe ist er sofort wieder dabei.
Echte Sturheit gibt es kaum. Meistens fehlt einfach Übung in genau dieser Situation, oder der Hund ist überfordert.
Was in dieser Phase nicht hilft
Wenig hilfreich ist es, die Pubertät als Machtkampf zu sehen. Mehr Druck, härtere Korrekturen oder ständiges «da muss er durch» machen den Hund selten stabiler. Sie erhöhen eher die Anspannung und belasten die Beziehung. Genauso wenig hilft es, jetzt alle Regeln fallen zu lassen, weil «es ja nur die Pubertät» sei. Orientierung entsteht nicht durch Lautstärke. Sie entsteht durch Wiederholung, die richtige Schwierigkeit, gute Belohnung, kluges Vorbereiten und Menschen, die berechenbar bleiben.
Was die Gruppe leisten kann und wo Einzeltraining sinnvoll ist
Eine Junghundegruppe ist ein guter Rahmen, um mit anderen Teams zu üben, Ablenkung dosiert einzubauen und Alltagssituationen unter Anleitung zu trainieren. Sie ersetzt aber keine individuelle Abklärung, wenn ein Hund stark ängstlich oder aggressiv ist, dauerhaft überfordert wirkt oder im Alltag kaum noch ansprechbar ist. Hat ein Thema in der Gruppe nicht genug Raum, ist Personal Coaching der passende Rahmen. Da schauen wir auf Vorgeschichte, Alltag und Auslöser und bauen einen Plan, der zu diesem Hund und dieser Familie passt.
Ergänzende Angebote für diese Zeit
Manche Themen lassen sich in der Gruppe gut anbahnen, brauchen dann aber mehr Tiefe. Für Auslastung ohne Leistungsdruck gibt es die Indoor Fun-Edition mit Bewegung, Koordination und gemeinsamen Aufgaben, ohne dass Hundekontakte im Vordergrund stehen. Spezialthemen wie Leinenführigkeit, Begegnungstraining, Maulkorbtraining oder Medical Training vertiefen wir in Workshops. So bleibt die Junghundegruppe der rote Faden, und einzelne Themen bekommen dort mehr Raum, wo sie hingehören.
Warum diese Zeit so wichtig ist
Die Junghundezeit entscheidet nicht alles, aber sie prägt viel. Ein Hund, der jetzt lernt, dass sein Mensch ihm Orientierung gibt, dass Training verständlich ist und dass sich schwierige Situationen lösen lassen, nimmt genau diese Erfahrung mit ins Erwachsenwerden. Diese Zeit musst du nicht allein bewältigen. In unserer Junghundegruppe in Liestal begleiten wir dich und deinen Hund durch beide Phasen, vom Fundament in der Beginner-Zeit (etwa 4. bis 8. Monat) bis in die stürmischere Adoleszenz (etwa 8. bis 24. Monat). Danach geht es in der Familienhundegruppe weiter. Alle Termine und Infos findest du auf unserer Serviceseite zur Junghundegruppe.
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Quellen und weiterführende Literatur
Asher, L., England, G. C. W., Sommerville, R., & Harvey, N. D. (2020): Teenage dogs? Evidence for adolescent-phase conflict behaviour and an association between attachment to humans and pubertal timing in the domestic dog. Biology Letters, 16(5): 20200097. doi:10.1098/rsbl.2020.0097
American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB), 2021: Humane Dog Training Position Statement. Empfehlung für belohnungsbasiertes Training und gegen aversive Methoden.
Ich bin Jens
Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.