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Hundezucht und Qualzucht: ein differenzierter Blick auf ein unbequemes Thema
Über Hundezucht lässt sich schwer ruhig reden, sobald das Wort Qualzucht fällt. Dieser Text will nicht anklagen, sondern einordnen: Wo verläuft die Grenze zwischen verantwortungsvoller Zucht und Zucht auf Kosten der Gesundheit, und welche Rolle spielen wir alle dabei?
Was Qualzucht bedeutet, und was nicht
Qualzucht, auch Defekt- oder Extremzucht genannt, meint Zucht, bei der ein Zuchtziel für Tiere mit Schmerzen, Leiden, Schäden, tiefgreifenden Eingriffen ins Erscheinungsbild oder Einschränkungen normaler Fähigkeiten verbunden ist. Es geht also nicht um Geschmack, sondern um Belastung.
Wichtig ist die Abgrenzung: Qualzucht ist kein Schimpfwort für Rassehunde. Ein Rassehund ist nicht automatisch ein Qualzucht-Hund, und auch innerhalb einer betroffenen Rasse gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Linien und einzelnen Tieren. Das Problem beginnt dort, wo extreme Merkmale bewusst erhalten oder verstärkt werden, obwohl sie Atmung, Bewegung, Geburt, Augen, Haut, Verhalten oder Alltag des Hundes belasten.
In der Schweiz ist das geregelt
Das ist kein blosses Meinungsthema, sondern Gesetz. Die Schweizer Tierschutzverordnung schreibt in Art. 25 vor, dass Zucht darauf auszurichten ist, gesunde Tiere zu erhalten, die frei von Merkmalen sind, mit denen ihre Würde missachtet wird. Zuchtziele, die Organ- oder Sinnesfunktionen einschränken oder vom arttypischen Verhalten abweichen, sind nur zulässig, wenn die damit verbundene Belastung ohne belastende Pflege-, Haltungs- oder Fütterungsmassnahmen, ohne Eingriffe am Tier und ohne regelmässige medizinische Pflegemassnahmen vermieden werden kann.
Die Verordnung des BLV über den Tierschutz beim Züchten konkretisiert diese Grundsätze seit 2015. Sie arbeitet mit Belastungskategorien von 0 bis 3. Mit hochbelasteten Tieren der Kategorie 3 darf nicht gezüchtet werden, und auch Verpaarungen, bei denen hochbelastete Nachkommen zu erwarten sind, sind verboten. Es geht deshalb nicht um eine einfache Rassenliste, sondern um Merkmale, Belastungen und das einzelne Tier.
In der Praxis bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. Merkmale müssen beurteilt, Belastungen eingeordnet und Zuständigkeiten im Vollzug angewendet werden. Für Hundehalterinnen und Hundehalter ändert das aber nichts am Grundsatz: Ein gewünschtes Aussehen darf nicht wichtiger sein als ein Hund, der gut atmen, sich bewegen, gebären, sehen, schlafen und leben kann.
Ein konkretes Beispiel: die sehr kurze Schnauze
Am deutlichsten zeigt sich das Problem bei stark kurzköpfigen Hunden, etwa bei Mops, Französischer Bulldogge und Englischer Bulldogge. Dabei geht es nicht darum, jeden einzelnen Hund dieser Rassen abzuwerten. Viele dieser Hunde werden sehr geliebt, und sie verdienen bestmögliche Betreuung. Das Tierschutzproblem liegt im Zuchtziel: Wenn die Schnauze immer kürzer wird, verkürzt sich der knöcherne Rahmen, während das Weichgewebe im Inneren nicht im gleichen Mass schrumpft. Es entsteht zu viel Gewebe auf zu wenig Raum. Die Atemwege können dadurch verengt werden. Medizinisch spricht man vom brachyzephalen obstruktiven Atemwegssyndrom, kurz BOAS.
Eine grosse Studie (Packer et al. 2015) konnte diesen Zusammenhang quantitativ zeigen: Das BOAS-Risiko steigt deutlich, je kürzer die Schnauze im Verhältnis zum Schädel ist. In der untersuchten Population trat BOAS vor allem bei Hunden auf, deren Schnauzenlänge deutlich weniger als die Hälfte der Schädellänge betrug. Besonders hohe Risiken zeigten sich bei sehr kurzen relativen Schnauzen. Schnarchen, lautes Atmen, Belastungsintoleranz, Hitzeprobleme oder Atemnot sind deshalb keine niedlichen Eigenheiten, sondern mögliche Krankheitszeichen.
Warum es trotzdem boomt
Das flache Gesicht trifft unser Kindchenschema. Grosse Augen, runder Kopf und kurze Nase wirken auf viele Menschen niedlich. Auf Social Media werden genau diese Merkmale zusätzlich verstärkt, weil sie schnell Aufmerksamkeit erzeugen. Dazu kommt ein heikler Befund aus der Forschung: Viele Halterinnen und Halter betroffener Hunde nehmen lautes Atmen, Schnarchen oder Belastungsprobleme als normal für die Rasse wahr, nicht als medizinisches Problem (Packer et al. 2012). Diese Normalisierung hält das Leiden in Gang.
Auch Importe und unkontrollierte Vermehrung spielen eine Rolle. Wenn ein bestimmter Hundetyp stark nachgefragt wird, entstehen Märkte, auf denen Gesundheit, Aufzucht und Elterntiere in den Hintergrund rücken. Gerade deshalb ist es wichtig, nicht nur über Züchterinnen und Züchter zu sprechen, sondern auch über Nachfrage.
Die unbequeme Frage an uns
Zucht ist nur die eine Seite. Die andere ist unsere Entscheidung als Käuferinnen, Käufer und Betrachter. Solange extreme Merkmale gekauft, geteilt und als besonders süss gefeiert werden, lohnt es sich, sie weiter zu produzieren. Das ist keine Schuldzuweisung an Menschen, die bereits einen betroffenen Hund haben. Wer einen solchen Hund liebt, sollte ihn nicht weniger lieben, sondern ihn bestmöglich unterstützen. Die eigentliche Frage stellt sich vor der Anschaffung.
Wer sich gerade neu einen Hund wünscht, entscheidet mit. Nicht allein, aber wirksam. Nachfrage verändert Zuchtziele, Verkaufsdruck und das, was als normal gilt. Genau deshalb ist Aufklärung bei diesem Thema keine Nebensache.
Worauf du beim Hundekauf achten kannst
Frag nach Gesundheit, nicht nur nach Aussehen. Lass dir die Elterntiere zeigen und achte auf freie Atmung, normale Belastbarkeit, offene Nasenlöcher, klare Augen, gesunde Haut und eine Beweglichkeit, die zum Hund passt. Frag nach Gesundheitsuntersuchungen, nach züchterischen Zielen und danach, wie extreme Merkmale aktiv vermieden werden.
Eine etwas längere Schnauze, weniger Hautfalte, ein beweglicher Körper, normale Geburt und gute Belastbarkeit sind kein Schönheitsverzicht. Sie gehören zu den zentralen Zielen einer gesundheitsorientierten Zucht. Behandelt jemand Gesundheit als zweitrangig oder redet Atemgeräusche, Lahmheiten, Kaiserschnitte oder Augenprobleme als rassetypisch klein, ist das ein Grund, weiterzusuchen.
Wenn der Hund schon da ist
Niemand muss seinen Hund weniger lieben, weil seine Rasse oder seine Zuchtlinie gesundheitliche Risiken mitbringt. Im Gegenteil: Gerade betroffene Hunde brauchen Menschen, die genauer hinschauen. Atemgeräusche, schnelle Erschöpfung, Hitzeempfindlichkeit, häufiges Würgen, Schlafprobleme, Hautentzündungen, Augenreizungen oder Bewegungsprobleme sollten tierärztlich abgeklärt werden, statt als normal hingenommen zu werden.
Gute Betreuung bedeutet dann: Belastung anpassen, Gewicht im gesunden Bereich halten, Hitze vermeiden, Symptome ernst nehmen und medizinische Optionen besprechen. Was nicht hilft, ist Romantisierung. Ein Hund, der schlecht Luft bekommt, ist nicht besonders gemütlich. Er hat ein Problem, das Aufmerksamkeit verdient.
Wer das nächste Mal einen Hund auswählt, entscheidet mit, welche Hunde es in Zukunft überhaupt gibt. Das verlangt eine ehrliche Auseinandersetzung, eröffnet aber zugleich die Chance, gesündere Hunde zur Norm zu machen.
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Quellen und weiterführende Literatur
- Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV: Tierschutz beim Züchten. Zuletzt geändert am 28.10.2024, Rechtsstand am 25.06.2026 geprüft.
- Schweizerische Tierschutzverordnung (TSchV, SR 455.1), insbesondere Art. 25 Grundsätze sowie Art. 30a Abs. 4 Bst. b zu Veranstaltungen mit Tieren aus unzulässigen Zuchtzielen. Rechtsstand am 25.06.2026 geprüft.
- Tierschutzgesetz (TSchG, SR 455), insbesondere Art. 3 Würde und Belastung sowie Art. 10 Züchten und Erzeugen von Tieren. Rechtsstand am 25.06.2026 geprüft.
- Verordnung des BLV über den Tierschutz beim Züchten (SR 455.102.4; in Kraft seit 1. Januar 2015), insbesondere Art. 2 Pflichten beim Züchten, Art. 3 Belastungskategorien, Art. 5 Belastungsbeurteilung und Art. 9 Verbotene Zuchteinsätze. Rechtsstand am 25.06.2026 geprüft.
- BLV (2016): Erläuterungen zur Verordnung des BLV über den Tierschutz beim Züchten. Erläutert unter anderem die Belastungskategorien, die Belastungsbeurteilung und den Zuchtausschluss bei starker Belastung.
- Packer, R. M. A., Hendricks, A., Tivers, M. S., & Burn, C. C. (2015): Impact of Facial Conformation on Canine Health: Brachycephalic Obstructive Airway Syndrome. PLoS ONE, 10(10): e0137496. doi:10.1371/journal.pone.0137496
- Packer, R. M. A., Hendricks, A., & Burn, C. C. (2012): Do dog owners perceive the clinical signs related to conformational inherited disorders as normal for the breed? A potential constraint to improving canine welfare. Animal Welfare, 21(Suppl. 1): 81–93. doi:10.7120/096272812X13345905673809
- Asher, L., Diesel, G., Summers, J. F., McGreevy, P. D., & Collins, L. M. (2009): Inherited defects in pedigree dogs. Part 1: Disorders related to breed standards. The Veterinary Journal, 182(3): 402–411. doi:10.1016/j.tvjl.2009.08.033
- Royal Veterinary College: Brachycephalic Obstructive Airway Syndrome research resources. Ergänzende Übersicht zu BOAS, Morphologie und zuchtbezogenen Gesundheitsrisiken.
Ich bin Jens
Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.
Ich bin Michael
Mitgründer von foxred & brindle und verantwortlich für die BARF-Ernährungsberatung. Artgerechte Fütterung ist für mich kein Trend, sondern Grundlage. Ich schreibe über das, was ich in der Praxis sehe und was Hundehalter wirklich wissen wollen: fundiert, direkt und ohne Umwege.