Bevor der Hund einzieht: wann wir ehrlich abraten

Golden-Retriever-Welpe im Hundekörbchen zwischen Umzugskartons mit «Willkommen Zuhause»-Schild

Wissen, das bleibt

Bevor der Hund einzieht: wann wir ehrlich abraten

Als Hundeschule leben wir davon, dass Menschen sich einen Hund anschaffen. Trotzdem raten wir manchmal ab oder sagen: jetzt noch nicht. Das klingt schlecht fürs Geschäft, ist aber ehrlich gemeint. Wir sehen nämlich auch die andere Seite: den Hund, der nach einem Jahr wieder abgegeben wird, weil vorher niemand die unbequemen Fragen gestellt hat.

Was wir sehen, bevor uns jemand ruft

Die meisten Hunde, die ihr Zuhause verlieren, sind weder bösartig noch kaputt. Sie passten schlicht nicht in ein Leben, das vorher niemand ehrlich angeschaut hat. Auswertungen aus Tierheimen zeigen seit Jahren dasselbe Muster: Verhaltensthemen gehören zu den häufigsten Abgabegründen, dazu kommen Wohnsituation und Umzug sowie fehlende Betreuung, wenn sich die Lebensumstände ändern (Salman et al. 2000; Kisley et al. 2024). Das Bittere daran ist, wie viel davon vorhersehbar war. Genau deshalb reden wir lieber einmal zu viel vorher als einmal zu spät.

Passt ein Hund in dein Leben, ehrlich?

Die erste Frage ist nicht die nach der Rasse, sondern nach deinem echten Alltag. Gemeint ist der, den du an einem ganz normalen Dienstag hast, nicht der, den du dir für den Hund ausmalst. Wer ist tagsüber da? Was passiert, wenn das Homeoffice wegfällt, ein Kind kommt oder der Job wechselt? Wer nimmt den Hund, wenn du krank bist oder verreist? Ein Hund begleitet dich zehn Jahre und länger, an guten und an zähen Tagen. Er zieht bei allen ein, die mit dir leben. Wenn Partner, Kinder oder Vermieter nicht wirklich mitziehen, badet es am Ende der Hund aus.

Welcher Hund, nicht welcher gefällt dir

Ein schönes Foto sagt nichts über den Alltag mit genau diesem Hund. Ein junger Hund aus einer arbeitsfreudigen Linie braucht etwas völlig anderes als ein ruhiger Familienbegleiter, auch wenn beide auf dem Bild gleich süss aussehen. Unser ehrlichster Rat lautet: Stell Gesundheit über Optik. Manche Merkmale, die als besonders herzig gelten, sehr kurze Nasen, extrem grosse Augen, überzogene Formen, bedeuten für den Hund oft ein Leben mit Atemnot, Schmerzen oder Operationen. Wer bei der Wahl nach Gesundheit fragt statt nach Farbe, entscheidet mit, wie in Zukunft gezüchtet wird.

Woher der Hund kommt, verrät viel

Die Herkunft erkennst du an einem einfachen Zeichen. Eine seriöse Stelle, ob verantwortungsvoller Züchter oder gute Tierschutzorganisation, verkauft dir nicht einfach einen Hund, sondern fragt dir Löcher in den Bauch, weil sie wissen will, wohin ihr Tier kommt. Wo dir niemand Fragen stellt, wo ein Welpe schnell und anonym den Besitzer wechselt, aus dem Kofferraum, vom Parkplatz, mit rührender Geschichte, beginnt das nächste Problem oft schon. Ein niedriger Preis wird dann schnell zum teuersten Posten der ganzen Rechnung.

Die unbequemen Jahre gehören dazu

Zum ehrlichen Bild gehören die Kosten und die schwierigen Phasen. Der Kaufpreis ist meist der kleinste Betrag. Über die Jahre kommen Futter, Tierarzt, Notfälle, Versicherung, Ausbildung und Betreuung dazu. Das Zusammenleben ist nicht nur Idylle: die zehrende Welpenzeit, die Pubertät mit ihren Ausschlägen, Krankheit und irgendwann das Altwerden. Die meisten ratlosen Anrufe erreichen uns übrigens nicht beim herzigen Welpen, sondern mitten in der Pubertät, wenn der Junghund plötzlich alles infrage stellt. Wer weiss, dass diese Phase kommt und wieder vorbeigeht, bleibt dran. Wer davon überrascht wird, gibt eher auf.

Die ehrliche Vorab-Frage: fünf Punkte, bevor du zusagst

  • Habe ich über zehn Jahre hinweg täglich Zeit für einen Hund, auch an schlechten Tagen?
  • Trägt mein Umfeld die Entscheidung wirklich mit, nicht nur in der ersten Woche?
  • Wähle ich den Hund nach seinen Bedürfnissen, oder nach seinem Aussehen?
  • Ist die Herkunft sauber, und stellt die Stelle auch mir kritische Fragen?
  • Habe ich einen Plan für Krankheit, Ferien und die schwierige Pubertätszeit?

Überall ein ehrliches Ja? Beste Voraussetzungen. Steht irgendwo ein Nein oder ein Noch-nicht, ist das kein Scheitern, sondern eine kluge Entscheidung, für dich und für den Hund.

Warum wir lieber vorher abraten

Diese Fragen sollen niemandem den Hund ausreden. Wer sie sich ehrlich stellt und trotzdem Ja sagt, wird meist ein guter Halter, weil er weiss, worauf er sich einlässt. Wir wollen nicht möglichst viele Hunde in möglichst vielen Haushalten, sondern die, die bleiben dürfen. Wenn du vor der Entscheidung mit jemandem reden willst, der ehrlich antwortet statt zu verkaufen, sind wir gern für dich da.

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Quellen und weiterführende Literatur

  1. Salman, M. D., Hutchison, J., Ruch-Gallie, R., Kogan, L., New, J. C. Jr., Kass, P. H., & Scarlett, J. M. (2000): Behavioral reasons for relinquishment of dogs and cats to 12 shelters. Journal of Applied Animal Welfare Science, 3(2): 93–106.
  2. Kisley, M. A., Chung, E. J., & Levitt, H. (2024): Investigating the Reasons behind Companion Animal Relinquishment: A Systematic Content Analysis of Shelter Records for Cats and Dogs, 2018–2023. Animals, 14(17): 2606. doi:10.3390/ani14172606
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Ich bin Jens

Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.