Ich wollte nur schauen

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Geschichten aus dem echten Leben

Ich wollte nur schauen

✍️ Ich

Ich wollte nur schauen, das war der Plan. Aber von Anfang an.

Vor drei Jahren hat mein Mann sich entschieden, ein Sabbatjahr einzulegen. Wir waren gerade von einem Roadtrip an der amerikanischen Westküste zurückgekommen, der uns zum ersten Mal nicht mehr begeistert hatte. Die Nationalparks toll, das drum herum leider nicht. Wir haben uns einen Kastenwagen zugelegt und beschlossen, ab jetzt in Europa zu reisen. Und der Wunsch nach einem Hund kam wieder auf, stärker als je zuvor.

Aufgrund unseres Lebensstils hatten wir schon lange Vorstellungen, wie der Hund «sein sollte». Robust, familienfreundlich, reisefreudig, er sollte das Wasser lieben (mein Mann ist Fliegenfischer), keine Probleme mit dem Autofahren haben und Freude am Wandern und Outdooraktivitäten. Das mit dem Wasser war uns tatsächlich besonders wichtig. Schon beim Bau unseres Pools hatten wir uns bewusst für einen Biopool entschieden, damit ein Hund bedenkenlos reinspringen könnte, falls wir uns irgendwann doch trauen.

Letztlich kamen wir so auf den Labrador, da dieser aufgrund seiner Rassemerkmale in unserer Vorstellung alle Eigenschaften vereinte, die für uns wichtig waren.

An einem Samstag im Oktober konnte ich zwei Termine mit Züchtern ausmachen. Der eine hatte noch Welpen abzugeben, der andere einen Junghund. Ich wollte mir die Züchter einfach mal anschauen, wie wir es schon mal gemacht haben. Als wir nach zwei Stunden Autofahrt beim ersten Züchter ankamen, konnten wir von der Strasse aus schon sehen, welches Haus es sein musste. Es war ein altes Haus mit einem riesengrossen eingezäunten Garten und freilaufenden Hühnern. Als wir näherkamen und klingelten, hörten wir schon aufgeregtes Gebell. Ein Mann öffnete uns und empfing uns herzlich. Wir folgten ihm in den Garten und er fragte, ob er die Hunde rauslassen dürfte. An dem Tag hatten wir Outdoorklamotten an und das war gut so. Ein aufgeregtes Rudel gemischt aus Elterntieren, Junghunden und Welpen stürzte in den Garten und freute sich über unsere Anwesenheit. Wir kamen aus dem Schauen und Streicheln gar nicht mehr heraus. Ab dem Moment haben wir selbst so sehr nach Hund gerochen und entsprechend ausgesehen, dass wir uns in das Rudel hätten einreihen können. Wir waren überrascht, so viele Hunde auf einmal zu sehen. Damit hatten wir gar nicht gerechnet, auch wenn wir vorher im Internet recherchiert hatten. Der Züchter nahm sich sehr viel Zeit, uns von seiner Zucht zu erzählen. Wie er sie aufgebaut und weiterentwickelt hat, auf was er Wert legt, auch was für Fehler er in der Vergangenheit gemacht und daraus gelernt hat. Das war uns sympathisch. Als sich die ganze Aufregung etwas gelegt hatte, haben wir uns die Hunde, die teilweise einfach in einem grossen Knäuel zusammenlagen, angeschaut.

Dann sah ich den Blick meines Mannes. Er hatte einen Welpen im Blick, der etwas abseits von den anderen sass und gar nicht so aufgeregt war wie der Rest, sondern einfach beobachtete. Skylar, so hatte der Züchter sie genannt, neun Wochen alt, war die Letzte aus ihrem Wurf. Ihre Geschwister waren alle schon weg. Ich fragte, ob es einen Grund dafür gäbe. Er meinte, dass sie einen kleinen Bauchwandbruch habe, der im Verlauf wahrscheinlich tierärztliche Kosten verursachen würde und dass das viele abgeschreckt hätte. Ich sah wieder den Blick meines Mannes und wusste: Skylar war etwas Besonderes. Wir fragten nach den Elterntieren und erfuhren, dass die Väter grundsätzlich an einem anderen Ort betreut wurden, wir aber Fotos anschauen könnten. Die Mutter war da. Sie war eines der Lieblingstiere des Züchters. Er schlug vor, dass wir mit ihr eine Runde spazieren gehen, damit wir sie etwas kennenlernen. Das haben wir auch gemacht. Uns war das wichtig, um zu wissen, was vielleicht eines Tages aus dem kleinen Welpen werden würde.

Letztlich haben wir den ganzen Tag bei dem Züchter verbracht und ich hatte den zweiten Termin bei dem anderen Züchter abgesagt, da ich wusste: Heute kann kein anderer Hund gegen Skylar ankommen. Es folgten Diskussionen zwischen meinem Mann und mir. Ich hatte eigentlich zuvor die Vorstellung gehabt, wenn überhaupt, dann keinen Welpen zu uns zu nehmen, sondern einen Junghund, der die Grunderziehung bereits hinter sich hat und der schon voll in unsere täglichen Aktivitäten und Hobbies integriert werden kann. Dem man nicht erst beibringen muss, nicht ins Haus zu pinkeln oder keine Schuhe anzuknabbern. Ausserdem wieder die Bedenken, die wir immer schon hatten. Die Frage, was machen wir, wenn mein Mann sich beruflich neu orientiert und gebunden ist in seiner Entscheidung, weil wir jetzt Verantwortung für einen Hund haben. Viele Fragen, die wir über die Jahre immer wieder hin und her diskutiert hatten.

Letztlich war ich es, die den Ausschlag gab, die gesagt hat, wir schaffen das irgendwie, es ist schon so lange unser Traum. Aber auch gleichzeitig ein schlechtes Gewissen hatte, da ich wusste, dies würde die berufliche Neuorientierung meines Mannes erschweren. Dazu kam: Wir waren nicht vorbereitet. Kein Napf zuhause, keine Leine, kein Körbchen. Dann die definitive Entscheidung, wir nehmen sie mit. Der Züchter gab uns das Nötigste für die ersten Tage mit: Futter, ein Halsband, einen Napf, etwas Spielzeug. Von einem Welpen, erklärte er, den eine Besitzerin nach fünf Tagen wieder zurückgebracht hatte, weil der Hund ins Haus gepinkelt habe und es so anstrengend sei, nachts aufzustehen. Ich war sprachlos.

Dann sass sie in unserem Auto, zwischen meinen Füssen, unheimlich süss, klein, ruhig, etwas eingeschüchtert. Sie hatte mit dem Züchter zwar schon kurze Autofahrten hinter sich, aber nicht mit uns. Für sie war das alles neu: wir, die Gerüche, die Geräusche, die Stimmen. Sie wusste nicht, was passiert. Sie hat mich aus ihren dunklen Augen angesehen und mein Herz ist dahin geschmolzen.

Skylar passte nicht zu ihr, das war uns beiden von vorneherein klar. Noch auf der Heimfahrt haben wir ihr den Namen Torvi gegeben.

Zu Hause angekommen, hat sie erst einmal das Haus erkundet, dann den Garten. Dieses kleine, tollpatschige Wesen mit den Riesenpfoten ist durch den Garten gewackelt und hat an allem geschnüffelt, alles interessiert und aufmerksam inspiziert. Dann war sie müde und hat sich einfach hingelegt. Ich war aufgeregt, nervös, mein Herz ist vor Liebe fast geplatzt, ich habe mich so sehr über die kleine Maus in unserem Haus und in unserem Leben gefreut und hatte Angst. Angst davor, wie sich unser Leben von heute auf morgen verändern wird.

Rückblickend hat mich der Besuch beim Züchter auch nachdenklich gemacht und es beschäftigt mich immer wieder bis heute. Da werden Hunde, mittlerweile in immer grösserer Zahl, gezüchtet und für viel Geld verkauft. Gleichzeitig werden unzählige Hunde abgegeben und suchen ein neues Zuhause, weil das Leben sich verändert hat, weil sie nicht mehr in das Leben der Besitzer passen, weil ein Welpe ins Haus pinkelt, weil für viele die Vorstellung schöner war als die Realität.

Wir haben uns für einen Zuchthund entschieden, weil wir so konkrete Vorstellungen von den Eigenschaften eines für uns passenden Hundes hatten und es der erste Hund für uns war.

Aber es bricht mir das Herz, wenn ich diese vielen heimatlosen Hunde sehe. Am liebsten würde ich sie alle zu mir nehmen und ihnen ein grossartiges Leben ermöglichen, wenn ich könnte. Denn sie haben es verdient.

Torvi ist seit dem ersten Tag fester Teil unseres Lebens und daran wird sich nie etwas ändern.

🐾 Torvi

Ich bin draussen im Garten, mitten im warmen Licht. Die Sonne kitzelt mein Fell, und die Luft riecht nach Erde, Gras und ein bisschen nach Abenteuer. Um mich herum ist alles in Bewegung: kleine Pfoten tapsen, grosse Pfoten stampfen, es wird gewinselt, gebellt und geschnüffelt. Ich kenne das alles, es gehört zu mir.

Aber etwas ist anders.

Die ganz Kleinen, die, die immer neben mir lagen, deren Herz ich nachts gespürt habe, mit denen ich gespielt und gekämpft habe: Sie sind weg. In den letzten Tagen kamen immer wieder Menschen. Sie rochen fremd, sprachen viel, und jedes Mal nahm jemand einen von uns mit. Jetzt bin ich noch hier.

Warum ich?

Bin ich zu ruhig? Zu leise? Habe ich mich nicht genug gezeigt? Ich weiss es nicht. Aber es fühlt sich auch nicht falsch an, hier zu sein. Mein Rudel ist noch da, die vertrauten Gerüche, die Wärme. Ich kenne jeden Winkel dieses Gartens.

Dann kommen wieder Menschen.

Eine Frau und ein Mann.

Ich sitze etwas abseits. Ich beobachte lieber. Meine Nase arbeitet, meine Augen auch. Die Frau ist voller Energie, sie lacht, bewegt sich viel, ihre Hände sind überall. Der Mann ist ruhiger. Er sagt weniger, aber seine Augen bleiben an mir hängen.

Er sieht mich.

Ich halte still.

Es wird viel gesprochen. Dann gehen sie mit meiner Mama weg. Ich schaue ihnen nach. Mein Bauch zieht sich ein bisschen zusammen. Es fühlt sich komisch an.

Als sie zurückkommt, riecht sie anders. Nach ihnen. Nach etwas Neuem.

Und dann werde ich hochgehoben.

Plötzlich ist der Boden weg. Für einen Moment denke ich, ich falle, aber nein. Ich werde gehalten. Von dem Mann. Seine Hände sind gross, viel grösser als ich. Ich passe fast komplett hinein. Sein Griff ist fest, aber vorsichtig. Er streichelt mich, und mein Rücken kribbelt. Mein Schwanz bewegt sich von selbst.

Dann nimmt mich die Frau. Sie drückt mich fest an sich, so fest, dass ich kurz keine Luft bekomme. Aber ihre Hände sind sanft. Ihr Atem ist warm. Ich bleibe still.

Wieder viele Worte.

Dann stehe ich wieder auf meinen Pfoten. Ich laufe ein paar Schritte. Irgendetwas hat sich verändert. Ich weiss nicht was, aber ich spüre es.

Später sitze ich bei ihnen im Auto. Was ein Auto ist, weiss ich schon.

Alles riecht anders. Der Boden unter mir vibriert. Es ist laut und doch irgendwie gleichmässig. Die Fahrt dauert lange. Sehr lange. Ich frage mich, ob ich zurückkomme. Die anderen sind auch nicht zurückgekommen.

Dann halten wir an.

Ich werde wieder getragen, ein paar Stufen hinauf. Ein Haus. Gross. Fremd. Ganz anders als das, was ich kenne.

Ich setze vorsichtig eine Pfote auf den Boden, rutschig! Ich stolpere fast, fange mich wieder. Alles fühlt sich neu an. So viele Gerüche, so viele Räume. Ich weiss gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll.

Dann der Garten.

Gross, aber still.

Kein Bellen. Kein Rennen. Keine anderen Hunde.

Nur ich.

Ich suche nach etwas Vertrautem und dann finde ich es: die Decke. Sie riecht nach meiner Mama. Nach zuhause. Ich lege mich darauf.

Die Müdigkeit kommt plötzlich. Der Tag war gross. Zu gross. Und ein bisschen Angst ist auch da. Ich weiss nicht, was jetzt passiert.

Bleibe ich hier?

Aber der Mann und die Frau sind da. Immer in meiner Nähe. Ihre Stimmen sind ruhiger geworden. Das gefällt mir. Es fühlt sich sicher an.

Ich lege meinen Kopf ab.

Niemand schubst mich. Niemand nimmt mir meinen Platz weg.

Dann höre ich eine Stimme. Ganz nah. Ein Wort. Mehrmals habe ich es heute schon gehört.

Vielleicht bin ich das?

Ich hebe den Kopf ein kleines Stück. Mein Schwanz bewegt sich. Diesmal ein bisschen mehr.

Dann werden meine Augen schwer.

Und ich schlafe ein.

Beim nächsten Mal: Die erste Nacht. Torvi schläft das erste Mal bei uns, und ich lerne, dass «Welpe erziehen» herausfordernd sein kann.

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Hi, ich bin Irina

seitdem Torvi in mein Leben getreten ist, kann ich mir ein Leben ohne Hund nicht mehr vorstellen. Ich bin keine Trainerin und keine Expertin. Ich erzähle einfach, wie es ist: ehrlich, emotional und manchmal mit Tränen in den Augen. Vor Lachen und vor Liebe.

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Ich bin Torvi

ein foxred Labrador, drei Jahre alt, und laut Irina eine Frohnatur mit Hang zur Tollpatschigkeit. Ich erzähle meine Seite der Geschichte. Wie ich die Welt rieche, spüre und erlebe.

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