Geschichten aus dem echten Leben
Damit nichts dem Zufall bleibt
Ich
Ich wollte von Anfang an alles richtig machen.
Das klingt vielleicht nach Perfektionismus, vielleicht war es das zum Teil auch. Weil ich so bin. Weil ich immer den Anspruch an mich habe, es besonders gut zu machen. Zum anderen hatte ich viele Fragen und sicher auch etwas Unsicherheit. Man kann natürlich vieles nachlesen, sich Trainingsvideos anschauen und dann auf eigene Faust loslegen. Doch mir persönlich war das direkte Feedback wichtig. Jemand Aussenstehenden zu haben, der mich nicht kennt, der beobachtet und mich direkt korrigieren kann. Mein Mann hat mir natürlich auch immer wieder gute Tipps gegeben, doch manchmal braucht es auch jemanden auf neutralem Boden. Ich war nicht ohne Hundeerfahrung, ich bin mit Hunden aufgewachsen, kannte das Zusammenleben mit Tieren. Aber einen Welpen selbst in eigener Verantwortung zu erziehen, das war neu für mich. Dazu kam, dass ich beruflich viel eingebunden war und nicht oft genug zu Hause sein konnte, um schnell in eine eigene Routine zu finden. Mein Mann hatte seinen Rhythmus mit Torvi bereits gefunden, seine Art mit ihr umzugehen, seinen Stil im Training. Ich wollte meinen eigenen finden. Also suchte ich mir zusätzliche Unterstützung.
Die Trainerin war eine Frau um die fünfzig, Tiermedizinerin, die neben ihrer Tätigkeit in dem Bereich auch Personal Coaching anbot. Sie hatte selbst einen Hund und wirkte auf den ersten Blick ruhig und strukturiert, auch wenn sie mir von ihrer Art auf der persönlichen Ebene nicht unbedingt lag. Aber es war ja auch nicht das Ziel, beste Freundinnen zu werden. Beim ersten Termin kam sie zu uns nach Hause, schaute sich das Umfeld an, die Ausstattung, mögliche Gefahrenquellen. Wie ich mit Torvi umging, was bereits funktionierte, wo noch Lücken waren. Kein Urteil, nur Beobachtung. Das war ein guter Anfang.
Woran ich mich erst gewöhnen musste, war ihre Art zu arbeiten. Sie hatte einen festen Plan im Kopf und der war für sie der einzig richtige. Raum für Diskussionen oder «ich würde es gerne anders machen» gab es wenig. Wenn ich etwas anders einschätzte oder eine Frage in eine andere Richtung lenkte, wurde das freundlich, aber bestimmt übergangen. Ich hatte das Gefühl, dass sie nicht immer ganz wahrnahm, dass ich nicht bei null anfing, sondern einfach gezielte Unterstützung in der Welpenzeit suchte.
Ein Moment, der mir in Erinnerung geblieben ist: Wir übten das Belohnen im richtigen Moment, draussen pinkeln, sofort das Wort dazu, sofort die Belohnung. Das Timing ist entscheidend, das wusste ich. Aber bevor ich selbst reagieren konnte, hatte die Trainerin Torvi bereits das Leckerli hingehalten. Um mir zu zeigen, so belohnt man richtig. Ich hätte das gerne selbst gemacht. Was gut gemeint war, hat mich in diesen Momenten eher gebremst und geärgert als vorangebracht.
Ich habe das gemeinsame Training zunächst fortgesetzt. Die Grundidee der positiven Belohnung, konsequent und im richtigen Moment eingesetzt, ist wichtig. So wollte ich mit Torvi ja auch arbeiten. Nicht nur Leckerlis, auch Worte, der Tonfall der Stimme, das begeisterte «Gut gemacht!» im richtigen Augenblick. Torvi immer wieder zeigen: Das hast du richtig gemacht. In dem Punkt waren wir uns einig.
Sie hat beispielsweise auch gut vermittelt: Wenn ein Hund nicht reagiert, liegt es entweder daran, dass das Kommando nicht eindeutig genug ist, die Belohnung nicht stark genug oder der Zeitpunkt nicht stimmt. Ich habe verschiedene Leckerlis ausprobiert, eine Schlecktube, unterschiedliche Belohnungsformen. Was Torvi wirklich motivierte, musste ich selbst herausfinden.
Eines der ersten Dinge, die wir gezielt trainierten, war die Box. Torvi sollte sie frühzeitig als neutralen Ort akzeptieren, damit sie erst gar keine Angst davor entwickelte, wenn sie später mal im Auto in einer Box mitfahren sollte. Wir liessen sie immer wieder reingehen, belohnten das Drinbleiben, machten die Tür zunächst nur einen Spalt zu, dann weiter, irgendwann ganz. Das hat gedauert. Viele repetitive Übungen, viel Geduld, viel Belohnung. Bis Torvi wirklich ruhig mit geschlossener Tür in der Box liegen konnte. Wichtig war dabei, Übungen kurz zu halten, ein Welpe ermüdet schnell, verliert die Konzentration, kann sich irgendwann einfach nicht mehr einlassen. Kurze Einheiten, dafür regelmässig. Das hat Geduld gebraucht.
Was mir persönlich schwerfiel, war die Konsequenz. Ich wusste, dass das unheimlich wichtig ist in der Erziehung und zwar von Beginn an.
Mir ist es nicht unbedingt im Training schwergefallen, sondern im Alltag, abends, wenn ich nach Hause kam. Müde vom Dienst, froh endlich zu Hause zu sein und dann diese kleine Labradorhündin mit diesen grossen Augen. Ich wollte sie einfach knuddeln. Ausnahmen machen. Ihr alles erlauben, weil sie so unwiderstehlich war und ich den ganzen Tag nicht bei ihr gewesen war. Genau das war das Problem. Konsequenz bedeutet keine Strenge, sie bedeutet Orientierung. Ein Hund, der weiss, was immer gilt, fühlt sich sicher. Ein Hund, der nie weiss, was heute gilt, ist verunsichert, auch wenn die Ausnahmen aus Liebe gemacht werden. Das zu verstehen war eine Sache. Es wirklich umzusetzen eine andere. Es bedeutete Arbeit an mir selbst. Nicht genervt sein, geduldig bleiben, keine Ausnahme machen, auch wenn man müde ist. Es hat mich manchmal Überwindung gekostet, hat auch mal zu Diskussionen mit meinem Mann geführt, wenn ich eine Ausnahme gemacht hatte in Situationen, in denen er im Alltag konsequent war. Aber es zahlt sich aus konsequent zu bleiben.
Nach den ersten drei Terminen zu Hause haben wir uns in der Stadt getroffen. Das hatte die Trainerin vorgeschlagen und das war eine gute Trainingseinheit für mich.
Torvi sollte frühzeitig lernen, dass die Welt laut, gross und aufregend sein kann, ohne dass das beängstigend ist. Also fuhren wir in die Stadt. Was dann folgte, war für Torvi ein Programm voller erster Male. Für mich auch.
Wir liefen durch grössere Menschenansammlungen. Was ich mir einfacher vorgestellt hatte, war es nicht. Torvi wollte in jede Richtung gleichzeitig, alles roch, alles bewegte sich, alles war interessant. Ich versuchte, ihren Fokus auf mich zu lenken, ohne ständig an der Leine zu ziehen. Das ist schwieriger als es klingt. Die Leine spannt sich, man zieht zurück, Torvi zieht weiter, plötzlich ist man in einer Spirale, die niemandem hilft. Die Trainerin zeigte mir, wann ich Torvis Aufmerksamkeit einfordern sollte und wie ich in entsprechenden Situationen besser hätte reagieren können. Dieses Feedback war gut.
Immer wieder blieben Menschen stehen, wollten Torvi streicheln, riefen begeistert. Auch da lernte ich etwas: Nein zu sagen. Nicht unfreundlich, aber bestimmt. Denn auch gut gemeinte Aufmerksamkeit kann für einen Welpen Stress bedeuten.
Dann standen wir an einer Strassenbahnhaltestelle und beobachteten, wie die Bahn vorbeifuhr. Torvi war aufgeregt. Man sah ihr an, wie sie versuchte, all diese neuen Geräusche und Eindrücke gleichzeitig aufzunehmen und zu verarbeiten.
Das Aufregendste war der Aufzug.
Die Trainerin hatte schon vorab gesagt, das könnte beim ersten Mal schwierig werden, vielleicht würde Torvi gar nicht einsteigen wollen. Als der Aufzug hielt, warteten wir, bis keine anderen Menschen in der Nähe waren. Dann rein, sofort belohnen, wieder raus. Rein, belohnen, raus. Bis das Einsteigen selbst keine grosse Sache mehr war. Dann blieben wir drin. Die Türen schlossen sich. Eine Etage.
Man merkte Torvi an, dass diese Situation für sie fordernd war. Dieses plötzliche Gefühl, den Boden unter den Pfoten zu verlieren, was für uns Menschen selbstverständlich ist, in einem geschlossenen Raum zu sein, ohne zu verstehen warum. Aber sie zeigte keine Angst. Eher neugierige Aufregung. Das hat mich beruhigt.
Mir half es in manchen Situationen, dass jemand dabei war und mir Feedback gegeben hat. Wir hatten nicht immer die gleiche Meinung, aber ich habe versucht, mich darauf einzulassen. Manche Dinge habe ich aus den Trainingseinheiten mitgenommen, bei anderen wusste ich, dass ich es anders handhaben würde. Aber um eine Grundsicherheit zu bekommen, auch mal Fragen stellen zu können, waren die Termine mit der Trainerin überwiegend gut.
Das Einzeltraining habe ich noch eine Weile fortgeführt. Aber ich habe gemerkt, dass ich immer mehr meinen eigenen Weg fand, eine Routine mit Torvi zu entwickeln. Parallel dazu begann ich mich nach einer Welpengruppe umzuschauen, denn die Sozialisierung mit anderen Hunden wollte ich frühzeitig angehen. Torvi sollte nicht nur mit mir und meinem Mann lernen, sondern auch im Umgang mit anderen Hunden und auch anderen Menschen.
Torvi
Eine fremde Frau kommt in den Garten.
Noch bevor ich sie sehe, ist ihr Geruch da. Ich kenne ihn nicht. Er ist anders als der Geruch von dem Mann und der Frau, anders als von den Menschen, die manchmal zu Besuch kommen. Neu.
Ich werde still.
Sie geht langsam. Schaut sich alles an, das Haus, den Garten, uns. Ihre Bewegungen sind ruhig, fast vorsichtig. Kein Rufen, kein Locken, kein Greifen nach mir. Nicht so wie die anderen fremden Menschen es immer machen, wenn sie mich sehen.
Das ist ungewohnt. Ich beobachte.
Wir laufen durch den Garten, ich schnüffle, laufe ein paar Schritte, und muss. Also pinkle ich.
In dem Moment kommt das Wort. Kurz. Immer gleich. Ich kenne es schon, ich weiss, was danach kommt.
Aber diesmal ist es nicht die Frau, die mir das Gute gibt. Es ist die andere. Ihre Hand ist plötzlich vor meiner Nase, schneller als die Hand der Frau. Ich nehme das Leckerli, natürlich nehme ich es. Aber etwas stimmt nicht. Die Hand riecht anders. Der Rhythmus ist anders. Ich schaue zur Frau. Sie steht still. Ihre Hände hängen runter.
Das verwirrt mich.
Beim nächsten Mal macht es die Frau wieder selbst. Ihre Hand, ihre Stimme, ihr Timing. Das fühlt sich richtig an. So kenne ich es.
Die fremde Frau kommt noch ein paar Mal. Ich gewöhne mich an ihren Geruch. Er bleibt fremd, aber er macht mir keine Sorgen mehr.
Dann ist da die Box.
Sie steht plötzlich im Wohnzimmer, offen, dunkel, ein eigener Geruch. Neu.
Die Frau lockt mich rein. Ich gehe einen Schritt, dann noch einen. Drinnen ist es eng, aber ruhig. Der Boden ist weich. Es riecht nach nichts Schlimmem.
Ich bekomme etwas Gutes. Dann gehe ich wieder raus.
Immer wieder das Gleiche. Rein, gut, raus. Rein, gut, raus.
Irgendwann schliesst sich die Tür. Nur einen Spalt. Mein Körper spannt sich an. Aber nichts passiert. Es kommt etwas Gutes. Die Tür geht wieder auf.
Dann schliesst sie sich weiter. Und weiter.
Irgendwann ist sie ganz zu.
Ich liege drin. Es ist eng und still. Mein Atem wird laut in der Enge. Aber von draussen höre ich die Stimmen. Die Frau. Der Mann. Sie sind da.
Mein Körper entspannt sich. Nicht sofort. Aber Stück für Stück.
Die Box wird zu meinem Ort. Nicht sofort. Das dauert. Viele Male rein, viele Male raus. Aber irgendwann gehe ich von selbst hinein, wenn mir alles zu viel wird. Dort ist es ruhig. Dort gehört der Platz nur mir.
Dann kommt ein Tag, der anders ist als alle anderen.
Die Frau nimmt mich mit. Nicht in den Garten. Nicht auf die Strasse, die ich schon kenne. Wir fahren. Lange.
Dann steigen wir aus und alles ist anders.
So viele Gerüche. So viele Geräusche. So viele Füsse. Überall um mich herum bewegen sich Menschen, schnell, in alle Richtungen. Ihre Schuhe riechen nach hundert verschiedenen Dingen. Die Luft ist schwer und warm und voller Gerüche, die ich nicht einordnen kann.
Mein Körper will überall gleichzeitig hin. Meine Nase zieht mich nach links, meine Augen nach rechts. Die Leine spannt sich. Ich ziehe, die Frau hält, ich ziehe weiter.
Dann bleibt sie stehen.
Einfach stehen.
Ich schaue hoch. Ihre Augen treffen mich. Ruhig. Dann kommt das Wort und etwas Gutes. Ich setze mich. Mein Körper wird stiller.
Immer wieder kommen Menschen auf mich zu. Ihre Hände greifen nach mir, ihre Stimmen werden hoch und aufgeregt. Ich will hin, mein Schwanz bewegt sich. Aber die Frau stellt sich dazwischen. Sagt etwas zu den Menschen. Sie gehen weiter.
Das ist neu.
Dann ein Geräusch, das ich noch nie gehört habe. Ein Rauschen, ein Quietschen, dann ein Zischen. Etwas Grosses gleitet an mir vorbei, ganz nah. Luft drückt gegen mein Fell. Mein Herz pocht, aber die Frau steht ruhig. Ihr Fuss berührt fast meinen. Sie bewegt sich nicht.
Also bleibe ich auch.
Dann gehen wir in ein Haus hinein. Durch eine Tür, einen Gang, dann stehen wir vor etwas, das ich nicht verstehe. Eine Wand öffnet sich. Dahinter ein kleiner Raum.
Die Frau geht rein. Ich zögere. Meine Pfoten tasten den Boden ab. Er fühlt sich anders an, glatt, kalt, ich rutsche.
Ich gehe rein, bekomme direkt etwas Gutes.
Dann wieder raus.
Rein. Gut. Raus. Wie bei der Box.
Irgendwann bleiben wir drin. Die Wand schliesst sich.
Und dann passiert etwas, das ich nicht erwartet habe.
Der Boden bewegt sich.
Mein ganzer Körper sackt kurz nach unten, als würden meine Pfoten den Halt verlieren. Mein Bauch zieht sich zusammen, ich drücke mich an die Beine der Frau.
Dann hört es auf. Die Wand öffnet sich wieder. Alles sieht anders aus als vorher. Andere Gerüche. Anderes Licht.
Mein Herz schlägt noch schnell. Aber meine Pfoten tragen mich nach draussen. Und die Frau ist da. Ihre Hand streicht über meinen Kopf. Ihre Stimme ist warm.
Als wir nach Hause kommen, bin ich so müde, dass mich meine Beine kaum noch halten. Ich gehe in die Box. Von selbst. Lege mich hin.
Der Tag war riesig. Voller Dinge, die ich zum ersten Mal gesehen, gerochen und gespürt habe. Mein Kopf ist voll. Mein Körper ist schwer.
Die Welt da draussen ist gross und laut und manchmal bewegt sich der Boden. Aber ich muss da nicht alleine durch.
Beim nächsten Mal: Torvi trifft andere Hunde, andere Menschen, andere Regeln. Eine Stunde in der Woche, die nur Torvi und mir gehört.
Hi, ich bin Irina
seitdem Torvi in mein Leben getreten ist, kann ich mir ein Leben ohne Hund nicht mehr vorstellen. Ich bin keine Trainerin und keine Expertin. Ich erzähle einfach, wie es ist: ehrlich, emotional und manchmal mit Tränen in den Augen. Vor Lachen und vor Liebe.
Ich bin Torvi
ein foxred Labrador, drei Jahre alt, und laut Irina eine Frohnatur mit Hang zur Tollpatschigkeit. Ich erzähle meine Seite der Geschichte. Wie ich die Welt rieche, spüre und erlebe.