Drei Stunden, dann Wecker

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Geschichten aus dem echten Leben

Drei Stunden, dann Wecker

✍️ Ich

In den ersten Nächten haben mein Mann und ich auf der Couch geschlafen. Zum einen war die Terrassentür nicht weit, falls Torvi raus musste, zum anderen wollten wir ganz nah bei ihr sein. Wir wollten ihr zeigen: Du bist nicht allein, wir sind da. Torvi war von vorneherein keine Kuschelmaus, das hat sich schon ganz am Anfang gezeigt, auch wenn ich da noch dachte, sie muss sich erst einmal eingewöhnen. Sie hat auf der Wolldecke zwischen uns geschlafen, nicht fest angekuschelt, aber ganz nah bei uns. Ich konnte die Augen nicht von ihr lassen. So eine kleine süsse Maus war plötzlich Teil unseres Lebens und ich kann gar nicht ausdrücken, wie gross meine Freude darüber war. Sie lag da, ruhig, ab und zu hat sie etwas gezittert, leise, kaum merklich, dann hat sie geschnarcht und tief geatmet. Das war spannender als jeder Netflixabend und ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Ich war vom ersten Tag an so vernarrt in dieses unglaublich süsse Geschöpf. 

Ich musste an den ersten Tagen früh raus zur Arbeit. Ich hatte in den Nächten kaum ein Auge zugetan, weil ich so aufgeregt war und nichts verpassen wollte. Aber es war mir egal, ob ich müde war, ich war bei ihr, das war wichtig. Wenn ich schon am Tag nicht bei ihr sein konnte.

Mein Mann hat sich den Wecker gestellt. Alle drei Stunden, Nacht für Nacht. Für ihn war das selbstverständlich. Ich musste am nächsten Morgen zur Arbeit, also ist er aufgestanden, ich konnte liegen bleiben. Welpen können erst ab einem Alter von etwa vier Monaten ihre Blase und Verdauung zunehmend kontrollieren. Also muss man ihnen möglichst oft die Möglichkeit geben, sich zu entleeren, bevor es zwangsläufig im Haus passiert. Auch lernen sie so frühzeitig, dass das Geschäft draussen erledigt wird. Regelmässig und konsequent am Training dranzubleiben, zahlt sich später aus. Also: Wecker, aufstehen, raus, rein, schlafen. Nacht für Nacht.

Nach den ersten Nächten mussten wir eine andere Lösung finden. Dauerhaft auf der Couch zu schlafen war keine Option. Wir haben ihr ein gemütliches, weiches Körbchen gekauft, das tagsüber im Wohnzimmer stand und das wir nachts mit ins Schlafzimmer genommen haben. Das Körbchen war ihr Ort, an dem sie sich wohlfühlte. Für mich war es selbstverständlich, dass sie nicht bei uns im Bett schlafen wird. Das hätte auch gar nicht zu ihr gepasst. Torvi wollte Nähe, aber zu nah war auch nichts für sie. Das Körbchen wurde zu ihrem Wohlfühlort. Mein Mann hat sich auch dann weiter den Wecker gestellt. Alle drei Stunden stand er auf, hat Torvi behutsam die Treppe runtergetragen und ist mit ihr raus gegangen. Nacht für Nacht. Auch mein Mann war müde.

Tagsüber war sie das, was man sich unter einem typischen Welpen vorstellt. Tollpatschig, neugierig, an allem interessiert, alles wurde beschnuppert und am liebsten ins Maul genommen. Die Nase permanent im Wind, die Pfoten noch nicht ganz unter Kontrolle. Die Spaziergänge habe ich kurzgehalten. Welpen sollte man nicht überfordern und nur wenige Minuten mit ihnen am Stück spazieren gehen. Je älter sie werden, desto mehr kann man das steigern. Ein bisschen Garten, ein bisschen Feld, ein bisschen Strasse und dann wieder heim. Die Welt war so gross am Anfang, das hat man ihr angemerkt. Jeden Tag gab es etwas Neues zu entdecken.

Was allerdings zu den schlaflosen Nächten hinzukam und mir am Anfang Sorgen gemacht hat, war der Durchfall. Der Züchter hatte mich darauf vorbereitet. Er meinte, es sei ganz normal am Anfang. Stress schlägt bei Hunden genau wie bei Menschen auf den Magen. Ich sollte ihr an den ersten Tagen kein Züchterfutter geben, sondern lieber Selbstgekochtes, Reis und Hühnchen, leicht verdaulich. Ausserdem Morosche Karottensuppe, ein altes Hausmittel, das bei Durchfall bei Welpen und Kindern gleichermassen hilft. Die kann man in grossen Mengen vorkochen, portionieren und einfrieren. 

Was die Morosche Karottensuppe genau bewirkt und wie du sie zubereitest, erklären wir in unserem Wissensartikel.

Torvi fand die Art von Futter gar nicht schlecht, eigentlich hat sie es sogar gern gefressen. Wobei man sich über das Futter beim Labrador nicht so viele Gedanken machen muss, denn eigentlich schmeckt alles ganz toll und man kann nicht genug davon bekommen.

Nach ein paar Tagen wurde es besser. Mit dem Bauch und auch mit dem Rest. Torvi wurde sicherer, zutraulicher, war weniger zurückhaltend, sie fühlte sich langsam wohl in ihrer neuen Umgebung.

Die Welpenzeit ist aufregend. Es ist so unglaublich faszinierend zu beobachten, wie ein kleines Wesen die Welt entdeckt und alles mit anderen Augen sieht. Aber auch anstrengend. Schlaflose Nächte, putzen, putzen, putzen. Denn auch wenn man regelmässig raus geht und versucht, die Signale richtig zu deuten, funktioniert das nicht von vorneherein mit der Stubenreinheit. Dann wird in die eine Ecke gepinkelt, wenn man gerade mal nicht hinschaut und später in die andere. Alle Sachen, die rumliegen, sind toll und müssen angeknabbert werden. Ob es das Tischbein ist, der Schuh oder das Buch, das auf der Couch liegt. Aber wir haben auch unheimlich viel zusammen gelacht, über die Tollpatschigkeit, über das, was sie wieder mal angestellt hat und die unschuldigen Augen dabei. Die Welpenzeit vergisst man nie und sie geht viel zu schnell vorbei.

Auch wenn ich mich vorher mit Hundeerziehung beschäftigt hatte, merkte ich schnell, dass Theorie und Praxis zwei unterschiedliche Dinge sind. Der richtige Umgang von Anfang an, Stubenreinheit, erste Kommandos: Ich wollte keine falschen Gewohnheiten entstehen lassen und hatte den Anspruch an mich selbst, von Anfang an alles richtig zu machen. Das konnte ich nicht ohne Hilfe und machte mich auf die Suche nach einem Personal Coach.

🐾 Torvi

In den ersten Nächten liege ich auf einer warmen, weichen Decke. Ganz nah bei dem Mann und der Frau. So nah, dass ich ihr Atmen höre, ihre Bewegungen im Schlaf spüre. Das ist neu für mich.

Früher habe ich immer zwischen ganz vielen Hunden geschlafen. Es war eng, warm und nie still. Irgendjemand war immer da. Hier ist es anders. Ruhiger. Ein bisschen leerer. Aber auch irgendwie schön.

Ich bin aufgeregt. Alles ist neu. Aber ich kann trotzdem schlafen. Ich kann eigentlich ständig schlafen.

Nachts weckt mich der Mann immer wieder. Erst finde ich das komisch. Ich bin müde und will liegen bleiben. Aber er nimmt mich mit nach draussen. Es ist kühl dort und still, ganz anders als am Tag. Ich weiss nicht genau, was ich tun soll.

Also mache ich einfach, was ich kenne.

Und dann freut er sich.

Seine Stimme wird weich und fröhlich. Er lobt mich. Das fühlt sich gut an. Ich merke mir dieses Gefühl. Danach gehe ich wieder hinein und schlafe sofort weiter.

Tagsüber mache ich es noch wie früher. Wenn ich muss, dann muss ich, egal wo ich gerade bin. Das ist für mich normal.

Aber dann passiert etwas Neues.

Immer wenn ich das mache, kommen der Mann oder die Frau schnell zu mir. Sie heben mich hoch und tragen mich nach draussen. Immer wieder. Ich verstehe nicht warum, aber ihre Reaktionen sind nie hart, eher ruhig und aufmerksam. Also beginne ich, auch das zu beobachten.

Tagsüber gibt es so viel zu entdecken. Das Haus ist gross, überall riecht es anders. Jeder Raum hat seinen eigenen Geruch. Ich laufe herum, schnuppere, bleibe stehen, gehe weiter.

Der Garten ist noch aufregender. Im Gebüsch riecht es nach anderen Tieren, und dann ist da noch Wasser! Ganz viel Wasser mitten im Garten. Ich untersuche jeden Winkel ganz genau.

Nach den ersten zwei Nächten bekomme ich einen eigenen Schlafplatz.

Weich. Warm. Meins.

Ich verstehe schnell, dass ich dort hingehen kann, wenn mir alles zu viel wird. Dort wird es ruhig in mir. Das gibt mir Sicherheit.

Ich bekomme auch was zum Spielen. Kleine, weiche Knäuel, die Geräusche machen, wenn ich hineinbeisse. Ich trage sie herum, schüttle sie, teste sie. Sie gehören wohl mir.

Dann ist da noch dieses Wort, das ich immer wieder höre.

Am Anfang ist es nur ein Geräusch. Aber langsam merke ich: Immer, wenn dieses Wort fällt, meinen sie mich.

Ich beginne, es mit mir zu verbinden.

In den ersten Tagen bin ich immer noch ziemlich aufgeregt. Auch wenn das Haus langsam nach mir riecht. Mein Bauch verändert sich.

Er grummelt, fühlt sich unruhig an. Manchmal kann ich es nicht halten und es passiert einfach, bevor ich draussen bin. Das ist neu für mich. Mein Körper macht Dinge, die ich nicht verstehe.

Der Mann und die Frau merken es sofort. Sie wirken aufmerksam, fast ein wenig besorgt, aber ruhig. Sie beobachten mich genauer, achten auf meine Signale.

Dann verändert sich das Essen.

Es riecht anders, schmeckt anders, ist leichter. Mein Bauch reagiert darauf. Die Unruhe lässt langsam nach. Nicht sofort, aber Stück für Stück.

Der Mann und die Frau sind da. Sie schauen nach mir, kümmern sich, reagieren, ohne laut zu werden.

Mit der Zeit wird mein Bauch ruhiger.

Der Sturm legt sich.

Auch in mir wird es wieder stiller.

Ich liege oft an meinem Ort, dem weichen, warmen Schlafplatz, oder ganz nah bei ihnen, höre ihre Stimmen, nehme ihre Nähe wahr.

Langsam merke ich:

Ich komme an.

Beim nächsten Mal: Der Personal Coach kommt. Torvi lernt, dass es Menschen gibt, die noch andere Erwartungen haben als wir. Erste Kommandos, erste Erfolge und die Frage: Wer erzieht hier eigentlich wen?

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Hi, ich bin Irina

seitdem Torvi in mein Leben getreten ist, kann ich mir ein Leben ohne Hund nicht mehr vorstellen. Ich bin keine Trainerin und keine Expertin. Ich erzähle einfach, wie es ist: ehrlich, emotional und manchmal mit Tränen in den Augen. Vor Lachen und vor Liebe.

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Ich bin Torvi

ein foxred Labrador, drei Jahre alt, und laut Irina eine Frohnatur mit Hang zur Tollpatschigkeit. Ich erzähle meine Seite der Geschichte. Wie ich die Welt rieche, spüre und erlebe.

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