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Adoleszenz beim Hund: was in der Pubertät wirklich passiert
Der Welpe, der eben noch zuverlässig mitgemacht hat, hört plötzlich schlechter, ist schneller abgelenkt und erschrickt vor Dingen, die ihm gestern egal waren. So beginnt bei vielen Hunden die Pubertät. Es sieht aus wie ein Rückschritt, gehört aber meist zur normalen Entwicklung.
Zwei Arten von Erwachsenwerden
Ein Hund wird zweimal erwachsen: zuerst körperlich, später im Verhalten. Geschlechtsreif werden Rüden meist mit sechs bis neun Monaten, Hündinnen mit sechs bis sechzehn Monaten (Harvey 2021). Im Verhalten reifen Hunde nach den wenigen vorhandenen Daten mit ein bis zwei Jahren, je nach Rasse verschieden. Die Adoleszenz ist die Zeit dazwischen. Sie beginnt mit der Pubertät und reicht oft bis zum zweiten Geburtstag, bei grossen und spät reifenden Hunden auch darüber hinaus. Der Körper ist also früher erwachsen als der Kopf.
Was im Kopf passiert
In diesen Monaten schwanken Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Erregbarkeit. Ein Hund, der jetzt stur oder dominant wirkt, steckt meist mitten in dieser Entwicklung. Eine Studie an angehenden Blindenführhunden in Grossbritannien hat gemessen, wie sich das im Alltag zeigt (Asher et al. 2020). Mit acht Monaten war die Chance, dass ein Hund das «Sitz» seiner Bezugsperson wiederholt überhörte, rund doppelt so hoch wie mit fünf Monaten. Bei einer fremden Person setzten sich dieselben Hunde sogar zuverlässiger hin als vorher. In Fragebögen zu 285 Junghunden zeigte sich dasselbe Muster. Ihre Bezugspersonen erlebten sie mit acht Monaten als schwerer erziehbar als mit fünf und mit zwölf Monaten wieder als leichter. Die Ausbildner, die den Hund seltener sahen, bewerteten ihn im selben Alter besser als vorher. Ob jeder Junghund so verläuft, lässt sich daraus nicht ableiten.
Dieselbe Studie zeigt auch, welche Rolle die Bindung spielt. Hündinnen, die mit fünf Monaten besonders viel Nähe und Aufmerksamkeit einforderten, wurden früher läufig. Die Autoren werten dieses Verhalten als Zeichen einer unsicheren Bindung. Hunde, die sich mit acht Monaten schwer von ihrer Bezugsperson trennen konnten, gehorchten ihr in diesem Alter auch schlechter. Ob das eine das andere auslöst, zeigt die Studie nicht. Es passt aber zu dem, was wir im Training sehen: Eine verlässliche Beziehung hilft dem Hund durch diese Monate.
Wenn Bekanntes plötzlich gruselig wird
Viele Trainerinnen und Trainer erleben in der Adoleszenz Wochen, in denen ein Hund unsicherer wird. Er weicht vor dem Abfallkübel zurück, an dem er hundertmal vorbeigelaufen ist, erschrickt schneller oder braucht mehr Abstand. Belegt ist das vor allem aus der Praxis, Studien gibt es dazu weniger als zum schlechteren Hören. Im Alltag hilft dasselbe wie bei jeder Unsicherheit: ruhig heranführen, nichts erzwingen, Abstand lassen und gute Erfahrungen schaffen. Der Hund muss in solchen Momenten nicht «da durch». Er braucht Situationen, die er bewältigen kann.
Warum diese Phase heikel ist
Aus dem süssen Welpen ist ein anstrengender Jugendlicher geworden, und manche Menschen lesen das als Ungehorsam, Provokation oder Charakterfehler. Ein Tierheim in den USA hat fünf Jahre lang ausgewertet, welche Hunde nach der Vermittlung zurückkamen (Powell et al. 2021). Von rund zehntausend vermittelten Hunden kam jeder sechste innerhalb eines halben Jahres zurück, am häufigsten wegen Verhaltensproblemen. Bei Junghunden zwischen sechs Monaten und zwei Jahren war die Chance einer Rückgabe fast dreimal so hoch wie bei Welpen, und sie wurden häufiger als andere mehrmals zurückgebracht.
Erwachsene Hunde bis acht Jahre lagen noch etwas höher. Bei den jungen Hunden hiess es aber häufiger als in anderen Altersgruppen, sie hätten in der Wohnung etwas zerstört oder seien zu aktiv. Die Autoren vermuten dahinter die Adoleszenz. Ein pubertierender Hund ist deshalb nicht automatisch gefährdet. In diesem Alter passen Erwartungen und Alltag aber oft nicht mehr zusammen.
Pubertät oder mehr? Der Check in einer Minute
- Hört dein Hund vor allem bei dir schlechter, bei anderen Menschen aber noch gut?
- Gibt es zwischen den schwierigen Tagen auch solche, an denen er wieder der Alte ist?
- Frisst, schläft und bewegt er sich wie immer, ohne Anzeichen von Schmerzen?
Dreimal ja: Das passt zur Pubertät, und die Tipps im nächsten Abschnitt helfen dir weiter. Bei einem Nein springst du besser gleich zu «Wann du dir Hilfe holen solltest».
Was jetzt hilft
Bleib konsequent, ohne streng zu werden. Bestrafst du deinen Hund jetzt für sein Weghören oder ziehst dich innerlich von ihm zurück, wird der Konflikt eher grösser. Trainiere weiter, in kurzen Einheiten, die gut ausgehen, und mit angepassten Erwartungen. Was gestern ging, kann heute zu schwer sein. Dann baust du die Übung wieder einfacher auf, statt alles infrage zu stellen.
Ihm jetzt mehr zu helfen, ist kein Scheitern. Die Leine oder eine Schleppleine, mehr Abstand, eine bessere Vorbereitung oder ein ruhigerer Ort verhindern, dass der Hund denselben Fehler immer wieder macht. So zeigt er öfter ein Verhalten, das du belohnen kannst.
Pflege die Beziehung. Gemeinsam die Gegend erkunden, ruhig beieinander sein, faire Regeln und ein Training, auf das sich dein Hund verlassen kann, bringen mehr als jeder Machtkampf. Mit einer guten Bindung fällt auch das Üben leichter.
Wann du dir Hilfe holen solltest
Nicht jedes Verhalten lässt sich mit der Pubertät erklären. Warte nicht einfach ab, wenn dein Hund plötzlich ernsthaft aggressiv wird, Menschen oder Hunde bedroht, kaum noch zur Ruhe kommt oder über Wochen immer unsicherer wird. Das gilt auch, wenn Schmerzen, eine Krankheit oder Hormone dahinterstecken könnten, etwa eine Scheinträchtigkeit nach der ersten Läufigkeit. Je nach Fall braucht es dann eine tierärztliche Abklärung, Unterstützung im Training oder beides.
Die Pubertät geht vorbei. Wenn du deinen Hund jetzt ruhig begleitest, deine Erwartungen anpasst und verlässlich weiter trainierst, hilfst du ihm auf dem Weg zu dem erwachsenen Hund, auf den du die ganze Zeit hingearbeitet hast.
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Quellen und weiterführende Literatur
- Asher, L., England, G. C. W., Sommerville, R., & Harvey, N. D. (2020): Teenage dogs? Evidence for adolescent-phase conflict behaviour and an association between attachment to humans and pubertal timing in the domestic dog. Biology Letters, 16(5): 20200097. doi:10.1098/rsbl.2020.0097
- Harvey, N. D. (2021): How Old Is My Dog? Identification of Rational Age Groupings in Pet Dogs Based Upon Normative Age-Linked Processes. Frontiers in Veterinary Science, 8: 643085. doi:10.3389/fvets.2021.643085
- Powell, L., Reinhard, C., Satriale, D., Morris, M., Serpell, J., & Watson, B. (2021): Characterizing unsuccessful animal adoptions: age and breed predict the likelihood of return, reasons for return and post-return outcomes. Scientific Reports, 11: 8018. doi:10.1038/s41598-021-87649-2
- Salman, M. D., Hutchison, J., Ruch-Gallie, R., Kogan, L., New, J. C., Kass, P. H., & Scarlett, J. M. (2000): Behavioral reasons for relinquishment of dogs and cats to 12 shelters. Journal of Applied Animal Welfare Science, 3(2): 93–106. doi:10.1207/S15327604JAWS0302_2
- PDSA (o. J.): Adolescent (Teenage) dogs. pdsa.org.uk, abgerufen am 11.10.2026.
Ich bin Jens
Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.
