Wie Hunde miteinander kommunizieren: Körpersprache lesen, ohne jedes Signal zu überdeuten

Zwei Hunde begegnen sich auf einer Wiese: ein foxred Hund steht seitlich, ein weiss-brauner Terrier zeigt einen Play Bow mit tiefem Vorderkörper und erhobenem Hinterteil als Spielaufforderung.

Wissen, das bleibt

Wie Hunde miteinander kommunizieren: Körpersprache lesen, ohne jedes Signal zu überdeuten

Wenn sich zwei Hunde begegnen, passiert in wenigen Sekunden viel. Ein Blick, eine Gewichtsverlagerung, ein Bogen, ein kurzes Erstarren, dann vielleicht ein Schnüffeln oder eine Spielaufforderung. Für uns sieht das manchmal aus wie ein zufälliges Durcheinander. Für Hunde ist es ein Gespräch.

Wer diese Sprache besser liest, versteht früher, ob eine Begegnung entspannt bleibt, ob Spiel wirklich Spiel ist oder ob ein Hund gerade Unterstützung braucht.

Hunde kommunizieren nicht nur mit dem Körper

Im Alltag sprechen wir oft von Körpersprache, weil wir Menschen sie am ehesten sehen können. Eigentlich ist Hundekommunikation breiter. Hunde nutzen sichtbare Signale wie Haltung, Rute, Ohren, Blick, Maul und Bewegung. Sie nutzen aber auch Geruch, Berührung und Laute. Ein Knurren, ein kurzes Bellen, ein Mundwinkel, ein angespanntes Stehenbleiben oder das gründliche Beschnuppern gehören alle zur selben Kommunikation.

Für dich als Hundehalter ist trotzdem die sichtbare Körpersprache der beste Einstieg. Sie zeigt oft früh, ob ein Hund Abstand sucht, Kontakt aufnehmen möchte, unsicher ist oder versucht, eine Situation freundlich zu halten.

Ein Signal allein sagt wenig

Ein wedelnder Schwanz, ein Spielbogen, ein Gähnen oder ein Blick zur Seite sind nie für sich allein die ganze Geschichte. Entscheidend sind Cluster und Kontext: Wie ist der Körper insgesamt? Locker oder steif? Geht das Gewicht nach vorne oder nach hinten? Wird der andere Hund eingeladen oder festgehalten? Gibt es Pausen, Ausweichen, weiche Bewegungen? Oder wird der Ablauf schneller, enger und härter?

Hier entstehen viele Missverständnisse. Menschen suchen oft nach einer Übersetzung wie in einem Wörterbuch: Rute hoch heisst das, Gähnen heisst jenes. Hunde sprechen aber nicht in einzelnen Wörtern. Sie sprechen in ganzen Sätzen aus Körper, Abstand, Bewegung und Situation.

Die Begrüssung ist kein Frontaltermin

Viele entspannte Hundebegegnungen verlaufen nicht frontal, sondern eher seitlich oder im Bogen. Hunde verlangsamen, wenden den Blick ab, beschnuppern sich, entfernen sich wieder oder nähern sich erneut. Solche Umwege wirken auf uns manchmal unsicher. Oft sind sie aber eine Form von Höflichkeit, die Spannung reduziert.

Schwieriger wird es, wenn ein Hund steif und direkt auf den anderen zuläuft, den Blick fixiert und kaum noch seitliche Bewegung zulässt. Das muss nicht automatisch Aggression bedeuten, zeigt aber: Hier ist Spannung im System. Die Leine kann das verstärken, weil sie Bögen verhindert, Tempo verändert und Hunde in eine Frontstellung bringt, die sie frei vielleicht vermieden hätten.

Darum ist es so wichtig, Begegnungen nicht zu erzwingen. Nicht jeder Hund muss jeden begrüssen. Manchmal ist der freundlichste Weg der grössere Bogen.

Nicht jeder Kontakt ist guter Kontakt

Ein häufiger Fehler ist die Idee, Hunde müssten sich begrüssen, wenn sie sich sehen. Das stimmt nicht. Ein Hund ist nicht unsozial, nur weil er Abstand möchte, ausweicht oder einen direkten Kontakt nicht braucht. Viele Konflikte entstehen nicht, weil Hunde schlecht kommunizieren, sondern weil Menschen sie zu früh, zu frontal oder zu nah zusammenbringen.

Gute Kommunikation braucht Raum. Manchmal ist der beste Beitrag des Menschen deshalb, Abstand zu ermöglichen, Bögen zuzulassen und Kontakt nicht zu erzwingen, statt die Hunde «das unter sich klären» zu lassen.

Spiel ist ein Aushandeln, kein Selbstläufer

Am deutlichsten wird die Feinheit dieser Sprache im Spiel. Die tiefe Vorderkörperhaltung mit erhobenem Hinterteil, der sogenannte Play Bow, ist ein gut beschriebenes Spielsignal. Bekoff beschrieb ihn als Signal, das Spiel einleiten oder aufrechterhalten kann. Neuere Arbeiten an erwachsenen Hunden zeichnen allerdings ein etwas anderes Bild (Byosiere et al. 2016): Dort tritt der Play Bow häufig nach einer kurzen Pause auf und hilft, das Spiel wieder in Gang zu bringen, weniger als Klärung einzelner Gesten, wie ursprünglich vermutet. Die Datenlage dazu ist allerdings noch schmal. Ein Play Bow heisst also nicht automatisch «alles ist harmlos». Er gehört zum Wiederanstossen und Aufrechterhalten des Spiels.

Damit Spiel Spiel bleibt, braucht es Beweglichkeit. Gute Spielsequenzen haben kleine Pausen, weiche Körper, Richtungswechsel, Rollenwechsel und Selbstzurücknahme. Ein stärkerer Hund nimmt Tempo heraus, lässt sich fangen oder macht sich kleiner. Gleichzeitig zeigt die Forschung: Spiel ist nicht immer sauber symmetrisch (Bauer & Smuts 2007). Es gibt Unterschiede nach Beziehung, Alter, Erfahrung und Status. Deshalb reicht es nicht, nur zu schauen, ob beide rennen. Entscheidend ist, ob beide wirklich beteiligt bleiben und aufeinander achten (Horowitz 2009).

Wann Spiel kippt

Gutes Spiel wirkt lebendig, aber nicht eng. Beide Hunde kommen immer wieder heraus, können stoppen und wieder starten. Kritisch wird es, wenn einer weg will und der andere ihn ständig verfolgt, wenn Pausen fehlen, wenn die Körper steifer werden, wenn der Blick fixiert, wenn ein Hund sich klein macht und der andere nicht nachlässt oder wenn aus Rollenwechsel eine Einbahnstrasse wird.

Dann hilft keine Moralpredigt und kein lautes Eingreifen, sondern eine ruhige Unterbrechung. Trenne die Hunde kurz, gib ihnen Abstand und schau, was passiert. Will der bedrängte Hund von sich aus zurück ins Spiel, war die Pause vielleicht nur eine Unterbrechung. Sucht er Abstand, bleibt er beim Menschen oder schaut weg, war es für ihn wahrscheinlich genug.

Eine hilfreiche Frage lautet: Hat der bedrängte Hund eine echte Wahl? Kann er weggehen, pausieren, zurückkommen oder den Kontakt beenden? Wenn die Antwort nein ist, ist es kein freies Spiel mehr. Dann braucht er Unterstützung, ruhig, klar und ohne Strafe.

Unterbrechen heisst nicht, einen Hund anzuschreien oder zu korrigieren. Oft reicht es, Bewegung herauszunehmen, beide Hunde kurz zu trennen und danach zu entscheiden, ob weitergespielt werden darf oder ob eine Pause besser ist.

Wedeln ist nicht gleich Freude

Eine der häufigsten Fehlinterpretationen betrifft die Rute. Eine wedelnde Rute heisst nicht automatisch, dass ein Hund freundlich oder entspannt ist. Wedeln zeigt vor allem Erregung, und die kann freudig, unsicher, angespannt oder konflikthaft sein. Wichtig sind Höhe, Tempo, Beweglichkeit und der Rest des Körpers. Ein weiches Wedeln in einem lockeren Körper ist etwas anderes als ein hohes, enges Wedeln in einem steifen Körper.

Dazu kommt: Rutenformen sind sehr unterschiedlich. Ein Hund mit Ringelrute, kurzer Rute oder kupierter Rute zeigt weniger eindeutig als ein Hund mit langer, frei beweglicher Rute. Es gibt auch Forschung dazu, in welche Richtung Hunde wedeln. Für den Alltag ist das aber kein einzelner Entscheidungsfaktor. Lies die Rute nie allein, sondern immer mit dem ganzen Hund.

Nicht jeder Hund ist gleich gut lesbar

Hunde unterscheiden sich darin, wie deutlich sie kommunizieren können. Alter, Erfahrung, Erregungsniveau, Schmerzen und Körperbau spielen mit. Ein Hund mit sehr kurzem Fang, viel Fell im Gesicht, wenig Rute oder eingeschränkter Beweglichkeit kann für andere Hunde schwerer zu lesen sein als ein Hund mit freier Mimik und gut sichtbarer Körpersprache. Auch deshalb lohnt sich der Blick auf das ganze Bild statt auf ein einzelnes Signal.

Was das für dich heisst

Du musst nicht jedes Signal benennen können. Viel wichtiger ist, dass du Muster erkennst: locker oder steif, Annäherung oder Rückzug, Wechsel oder Einbahnstrasse, Pause oder Druck. So kannst du früh helfen, statt erst einzugreifen, wenn es laut wird.

Erlaube deinem Hund Abstand, Bögen und Rückzug. Halte ihn nicht in Begegnungen fest, die er sichtbar vermeiden möchte. Unterbrich Spiel früh und ruhig, wenn es kippt. Und nimm leise Signale ernst, bevor dein Hund lauter werden muss.

Hunde sind ausgezeichnete Kommunikatoren. Wir müssen nur aufhören, sie wie kleine Menschen zu lesen. Je besser du ihre Sprache erkennst, desto sicherer werden Begegnungen, Spiel und Alltag für euch beide.

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Quellen und weiterführende Literatur

  1. Siniscalchi, M., D’Ingeo, S., Minunno, M., & Quaranta, A. (2018): Communication in Dogs. Animals, 8(8): 131. doi:10.3390/ani8080131
  2. Bekoff, M. (1995): Play signals as punctuation: the structure of social play in canids. Behaviour, 132(5–6): 419–429.
  3. Byosiere, S. E., Espinosa, J., & Smuts, B. (2016): Investigating the function of play bows in adult pet dogs (Canis lupus familiaris). Behavioural Processes, 125: 106–113. doi:10.1016/j.beproc.2016.02.007
  4. Horowitz, A. (2009): Attention to attention in domestic dog (Canis familiaris) dyadic play. Animal Cognition, 12: 107–118. doi:10.1007/s10071-008-0175-y
  5. Bauer, E. B., & Smuts, B. B. (2007): Cooperation and competition during dyadic play in domestic dogs, Canis familiaris. Animal Behaviour, 73(3): 489–499. doi:10.1016/j.anbehav.2006.09.006
  6. Mariti, C., Falaschi, C., Zilocchi, M., Fatjó, J., Sighieri, C., Ogi, A., & Gazzano, A. (2017): Analysis of the intraspecific visual communication in the domestic dog (Canis familiaris): a pilot study on the case of calming signals. Journal of Veterinary Behavior, 18: 49–55. doi:10.1016/j.jveb.2016.12.009
  7. Siniscalchi, M., Lusito, R., Vallortigara, G., & Quaranta, A. (2013): Seeing left- or right-asymmetric tail wagging produces different emotional responses in dogs. Current Biology, 23(22): 2279–2282. doi:10.1016/j.cub.2013.09.027
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Ich bin Jens

Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.