Wissen, das bleibt
Fütterung im ersten Jahr: drei Dinge, die zählen
Unser Standpunkt
Im ersten Jahr wächst dein Hund so schnell wie nie mehr. Fütterungsfehler wirken in dieser Zeit stärker als später. Das klingt dramatischer, als es gemeint ist. Mit einem guten Alleinfutter für die Wachstumsphase in der passenden Menge ist das meiste erledigt. Drei Dinge sehen wir in der Beratung trotzdem immer wieder, und alle drei stehen nicht auf der Packung.
Die Menge steht nicht auf der Packung
Die Fütterungstabelle auf dem Sack ist ein Startwert, keine Vorschrift. Der Hersteller kennt weder deinen Hund noch seinen Tag. Die FEDIAF setzt für einen ruhigen Hund rund ein Drittel weniger Energie an als für einen, der täglich mehrere Stunden gefordert wird, und nennt ihre eigenen Tabellen ausdrücklich Startpunkte.
Dazu kommt eine Eigenheit des Wachstums: Der Bedarf je Kilo sinkt, während der Hund schwerer wird. Ein Welpe mit einem Viertel seines Endgewichts braucht je Kilo mehr als doppelt so viel Energie wie derselbe Hund kurz vor dem Ende des Wachstums. Die Menge im Napf steigt darum in den ersten Monaten, flacht dann ab und fällt gegen Ende des ersten Jahres oft wieder. Wer die Tabelle einfach mit dem Gewicht nach oben zieht, füttert einen Junghund ab dem achten Monat schnell zu viel.
Ob die Menge stimmt, siehst du am Hund: von oben eine Taille, von der Seite ein Bauch, der nach hinten ansteigt, und Rippen, die du ohne Suchen fühlst. Ein runder Welpe ist nicht gesünder, nur schwerer. Wiege ihn alle zwei Wochen und passe die Menge in Schritten von zehn Prozent an.
Nichts dazugeben, ohne zu rechnen
Steht «Alleinfuttermittel» auf der Packung, hat der Hersteller alle Nährstoffe für diese Lebensphase eingerechnet. Steht «Ergänzungsfuttermittel» darauf, fehlt bewusst etwas, und du musst es ergänzen. Diese beiden Wörter sind das Wichtigste, was du auf einem Futtersack lesen kannst. Direkt daneben gehört die Lebensphase: Ein Alleinfutter für erwachsene Hunde ist für einen Welpen nicht vollständig.
Bei einem Alleinfutter ist jede Zugabe eine Verschiebung. Ein Löffel Quark, ein Ei, etwas Öl oder ein Calciumpulver «für die Knochen» sind gut gemeint. Im Wachstum ist das Fenster für Calcium aber schmal. Die FEDIAF nennt je 1000 Kilokalorien mindestens 2,5 Gramm und als Obergrenze 4,0 Gramm bis zur 14. Woche, danach 4,5 Gramm; bei Hunden über 15 Kilo Endgewicht darf das Minimum ab etwa dem sechsten Monat auf 2,0 Gramm sinken. Zwischen zu wenig und zu viel liegt also nie mehr als der Faktor zwei. Ein Alleinfutter für die Wachstumsphase liegt in diesem Fenster. Ein Pulver obendrauf kann es verlassen, und zu viel Calcium stört das Skelett genauso wie zu wenig.
Die zweite Falle ist unsichtbar. Auf der Packung stehen die Zusatzstoffe und ein paar analytische Werte, nicht die ganze Nährstoffliste. Bei einem Juniorfutter aus dem Fachhandel, das wir diesen Sommer nachgerechnet haben, fehlten 13 Nährstoffe auf der Deklaration, darunter Kalium, Magnesium und die meisten B-Vitamine. Dass ein Wert nicht auf der Packung steht, heisst nicht, dass er im Futter fehlt. Eingerechnet ist er, ausgewiesen wird er nicht. Wer dazugibt, rechnet also gegen Werte, die er nicht kennt, und wer nachrechnen will, braucht die Zahlen vom Hersteller.
Die Regel daraus ist einfach: Bei einem vollständigen Alleinfutter bleibt der Napf, wie er ist. Wer ein Ergänzungsfutter füttert oder selbst zusammenstellt, kommt um eine Rechnung nicht herum.
Leckerli gehören zur Tagesration
Im ersten Jahr wird viel belohnt, und das ist richtig so. Nur zählt jedes Trainingsleckerli zur Tagesration. Als Obergrenze gelten zehn Prozent der Tagesenergie für alles, was nicht aus dem Napf kommt. Das ist ein Deckel, kein Zielwert. Darüber verschiebt sich nicht nur das Gewicht, sondern auch die Balance: Leckerli und Kauartikel sind kein Alleinfutter, und je grösser ihr Anteil, desto weniger stimmt die Rechnung des Herstellers noch.
Praktisch heisst das: Wer viel trainiert, nimmt beim Futter etwas weg. Am einfachsten geht es, wenn du einen Teil der Tagesration als Belohnung nutzt. Trockenfutter eignet sich dafür gut. Kauartikel zählen ebenfalls, ein getrocknetes Rinderohr hat mehr Kalorien, als man ihm ansieht. Sonst wird aus gutem Training ein Gewichtsproblem.
Mit mageren Belohnungen rechnet es sich leichter: Rinder-Lungenwürfel Mini haben 6 % Rohfett.
Der Napf-Check in einer Minute
- Steht «Alleinfuttermittel» auf der Packung, und passt die angegebene Lebensphase zu deinem Hund?
- Fühlst du die Rippen ohne zu suchen, und siehst du von oben eine Taille?
- Weisst du, wie viel dein Hund an einem Trainingstag ausserhalb des Napfs bekommt?
Dreimal ja: Dann ist die Fütterung im ersten Jahr auf gutem Weg. Bei einem Nein weisst du jetzt, wo du hinschauen musst.
Wann du dir Hilfe holst
Die meisten Halter mit Alleinfutter brauchen keine Beratung, sie brauchen die drei Punkte oben. Anders ist es, wenn das Gewicht trotz angepasster Menge nicht stimmt, wenn Kot, Haut oder Fell nicht in Ordnung sind, wenn auf der Packung «Ergänzungsfuttermittel» steht oder wenn du selbst zusammenstellst. Bleibt etwas über Wochen auffällig, gehört zuerst die Frage zum Tierarzt, ob eine Krankheit dahintersteckt. Daneben lohnt sich eine Rationsanalyse: Wir rechnen die Fütterung gegen die Referenzwerte der FEDIAF durch und sagen dir, was fehlt und was zu viel ist, egal ob im Napf Trockenfutter, Dose oder Rohfleisch liegt.
Eine Rechnung reicht im Wachstum nicht
Zurück zum Juniorfutter von oben. Die Hündin, ein Husky, war fünf Monate alt und bekam ein Junior-Alleinfutter aus dem Fachhandel, dazu ein paar Lungenwürfel und eine Karotte am Tag. Sorgfältig gefüttert, nichts Wildes im Napf. Beim Nachrechnen gegen die Wachstumswerte der FEDIAF lag Jod trotzdem bei 39 Prozent des Minimums und die Linolsäure nach unserer Schätzung aus der Rezeptur bei einem Drittel bis der Hälfte. Beides sieht man dem Hund nicht an. Jod steuert die Schilddrüse und damit das Wachstum, Linolsäure braucht die Haut. Gelöst hat das kein neuer Sack. Fünf Gramm Seealgenmehl in der Woche und ein Teelöffel Distelöl am Tag haben gereicht.
Damit war die Arbeit aber nicht erledigt. Ein wachsender Hund verändert sich jede Woche: Das Gewicht steigt, der Bedarf je Kilo sinkt, und bei Hunden über 15 Kilo Endgewicht wechseln mit sechs Monaten die Referenzwerte, Calcium darf dann zum Beispiel tiefer liegen. Was im fünften Monat stimmt, stimmt im achten nicht automatisch. Darum wiegen wir alle zwei Wochen nach und rechnen an diesen Wendepunkten neu. Alle Ergebnisse stehen im Begleitheft deines Hundes, deinem passwortgeschützten Online-Heft: die aktuelle Ration, jeder Nährstoff gegen die Referenz und der Verlauf der Wiegungen. Du siehst dort, was sich verändert hat und warum.
Das gilt über das erste Jahr hinaus. Kastration, Alter, eine Erkrankung oder deutlich mehr Training verschieben den Bedarf. Eine Rationsanalyse ist darum keine Prüfung, die man einmal besteht. Sie ist ein Blick, den man in jeder neuen Lebensphase wiederholt.
Fazit
Das erste Jahr braucht keine Wissenschaft im Napf, nur drei Gewohnheiten: die Menge am Hund messen statt an der Tabelle, bei einem Alleinfutter nichts dazugeben, und Leckerli mitzählen. Wer das durchhält, hat den grössten Teil dessen erledigt, was Ernährung in dieser Zeit leisten kann. Wer selbst zusammenstellt, Ergänzungsfutter nutzt oder Auffälligkeiten sieht, braucht eine genauere Rechnung, und im Wachstum gelegentlich auch eine neue.
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Quellen und weiterführende Literatur
- FEDIAF (2025): Nutritional Guidelines for Complete and Complementary Pet Food for Cats and Dogs. European Pet Food Industry Federation. Tabellen VII-8b (Energiebedarf im Wachstum) und VII-17b (Nährstoffe späte Wachstumsphase).
- Europäisches Parlament und Rat (2009): Verordnung (EG) Nr. 767/2009 über das Inverkehrbringen und die Verwendung von Futtermitteln. Definitionen von Alleinfuttermittel und Ergänzungsfuttermittel.
- WSAVA Global Nutrition Committee (2025): Feeding Treats to Your Dog. Global Nutrition Toolkit, wsava.org. «Treats should always make up less than 10 % of a dog’s daily calorie intake.»
- WSAVA Global Nutrition Committee (2011): Nutritional Assessment Guidelines. Journal of Small Animal Practice, 52(7): 385–396.
- Laflamme, D. P. (1997): Development and validation of a body condition score system for dogs. Canine Practice, 22(4): 10–15.
Ich bin Michael
Mitgründer von foxred & brindle und verantwortlich für die Ernährungsberatung. Artgerechte Fütterung ist für mich kein Trend, sondern Grundlage. Ich schreibe über das, was ich in der Praxis sehe und was Hundehalter wirklich wissen wollen: fundiert, direkt und ohne Umwege.
