Wissen, das bleibt
Hundeernährung und Evidenz: warum sich alle widersprechen
Evidenz in der Hundeernährung: kurz erklärt
Dein Tierarzt sagt das eine. Der BARF-Berater das andere. In der Facebook-Gruppe widersprechen sich drei Leute gleichzeitig, und alle klingen überzeugt. Willkommen im Thema Hundeernährung.
Das Problem ist nicht, dass es zu wenig Informationen gibt. Im Gegenteil: Es gibt zu viele, und die wenigsten davon sind eingeordnet. Wer seinen Hund gut ernähren will, steht irgendwann vor der Frage: Wem kann ich eigentlich vertrauen? Und warum sagt jeder etwas anderes?
Dieser Artikel liefert keine fertige Antwort auf jede Ernährungsfrage. Aber er liefert etwas, das davor kommen muss: ein Werkzeug, um Empfehlungen einzuordnen.
Warum sich Empfehlungen so oft widersprechen
Ein Teil der Antwort liegt in der Ausbildung derer, die sie aussprechen.
«Ernährungsberater für Hunde» ist kein geschützter Beruf. Es gibt keine einheitliche Ausbildung, keine verbindlichen Mindeststandards und keine Zertifizierungspflicht. Die Bandbreite reicht von einem Wochenendkurs bis zu einer mehrjährigen Fachausbildung. Wer sich heute als Ernährungsberater für Hunde bezeichnet, kann das ohne Nachweis tun.
Tierärztinnen und Tierärzte bringen eine fundierte medizinische Grundausbildung mit. Der Anteil Tierernährung im Studium ist allerdings je nach Universität überschaubar, oft nur wenige Semesterwochenstunden. Das bedeutet nicht, dass Tierärzte in Ernährungsfragen inkompetent sind. Es bedeutet, dass Ernährung im Studium nicht den Stellenwert hat, den viele Hundebesitzer vermuten. Manche Tierärzte vertiefen das Thema nach dem Studium erheblich, andere nicht.
Auch die Bezeichnung «Tierheilpraktiker» ist weder in der Schweiz noch in Deutschland geschützt. Die Ausbildungsinhalte und die fachliche Tiefe variieren stark.
Nichts davon ist ein Vorwurf an einzelne Personen. Das Problem ist strukturell: Es gibt keinen einheitlichen Standard. Und genau deshalb ist es für dich als Hundebesitzer so schwer zu beurteilen, wie belastbar eine Empfehlung wirklich ist.
Umso wichtiger ist die Frage: Auf welcher Grundlage steht das, was dir jemand empfiehlt?
Was «Evidenz» in der Hundeernährung bedeutet
Evidenz klingt akademisch, meint aber etwas sehr Praktisches: Wie gut ist eine Aussage belegt?
Nicht jede Quelle ist gleich verlässlich. Ein kontrollierter Fütterungsversuch an einer Universität hat ein anderes Gewicht als ein Erfahrungsbericht aus einem Forum. Beides kann Informationen liefern, aber die Belastbarkeit ist grundverschieden.
In der Hundeernährung gibt es eine Handvoll Referenzquellen, die international anerkannt sind. Sie bilden das Fundament, auf dem seriöse Ernährungsberatung aufbaut.
Die wichtigsten Quellen im Überblick
NRC (National Research Council): Die «Nutrient Requirements of Dogs and Cats» von 2006 gelten als Standardwerk für den Nährstoffbedarf von Hund und Katze. Der NRC fasst den Stand der Forschung zusammen und definiert Bedarfswerte auf Basis kontrollierter Studien. Eine Neuauflage ist bisher nicht erschienen. Einzelne Bedarfswerte werden in der Fachwelt diskutiert, aber der NRC bleibt die umfassendste wissenschaftliche Grundlage, weil es schlicht kein neueres Gesamtwerk gibt. Nicht veraltet, sondern nicht ersetzt.
FEDIAF (Fédération Européenne de l’Industrie des Aliments pour Animaux Familiers): Die europäischen Richtlinien für die Herstellung von Heimtiernahrung. Die FEDIAF leitet ihre Empfehlungen grösstenteils vom NRC ab, ergänzt sie aber regelmässig und passt sie an den europäischen Markt an. Sie werden jährlich aktualisiert und sind frei zugänglich. Die FEDIAF-Richtlinien sind fachlich anerkannt und werden von unabhängigen Wissenschaftlern mitentwickelt. Gleichzeitig sind sie primär für die industrielle Futtermittelproduktion konzipiert, nicht für die Bewertung selbst zusammengestellter Rationen. Das ist keine Schwäche, aber eine Einordnung, die man kennen sollte.
WSAVA (World Small Animal Veterinary Association): Die WSAVA veröffentlicht Leitlinien zur Bewertung von Tiernahrung und zur Ernährungsberatung in der tierärztlichen Praxis. Sie liefert keine Bedarfswerte, sondern Orientierung dafür, wie man Futtermittel und Ernährungsempfehlungen kritisch einschätzt. Die WSAVA-Ernährungsrichtlinien werden teilweise kritisiert, weil das zuständige Nutrition Committee von grossen Futtermittelkonzernen wie Mars, Nestlé Purina und Hill’s mitfinanziert wird. Das ist öffentlich dokumentiert. Es macht die Empfehlungen nicht automatisch falsch, aber es gehört zur Einordnung dazu.
PubMed und Fachzeitschriften: Peer-reviewte Einzelstudien aus der Veterinärmedizin und Tierernährung. Hier findet sich die aktuellste Forschung. Eine einzelne Studie ist allerdings ein Baustein, kein Beweis. Studiendesign, Stichprobengrösse, Finanzierung und Reproduzierbarkeit müssen mitgelesen werden. Eine Studie mit zwölf Hunden ist nicht dasselbe wie eine Metaanalyse über zwanzig Studien.
Veterinärmedizinische Standardwerke: Referenzen wie das Merck Veterinary Manual liefern praxisorientierte Übersichten zu Nährstoffen, Mangelerscheinungen und klinischen Zusammenhängen. Sie sind keine Primärforschung, fassen aber den Stand der klinischen Praxis zusammen.
Was man über die Datenbasis wissen sollte
Es gibt einen Punkt, der in der Diskussion um Hundeernährung fast nie ausgesprochen wird: Der Grossteil der Fütterungsstudien, auf denen auch die NRC-Bedarfswerte basieren, wurde mit industriellem Trockenfutter oder standardisierten Laborrationen durchgeführt.
Das hat einen nachvollziehbaren Grund. Für eine wissenschaftliche Studie brauchst du kontrollierbare, reproduzierbare Bedingungen. Industriell hergestelltes Futter erfüllt das. Eine selbst zusammengestellte BARF-Ration nicht, weil jede Charge Fleisch, jedes Stück Leber, jeder Knochen in seiner Nährstoffzusammensetzung variiert.
Das Problem entsteht bei der Übertragung. Trockenfutter ist extrudiert, also hocherhitzt und stark verarbeitet. Die Bioverfügbarkeit einzelner Nährstoffe unterscheidet sich teilweise erheblich von der in rohen Komponenten. Zink aus einem Trockenfutter mit zugesetztem Zinkoxid verhält sich im Körper anders als Zink aus rohem Rindfleisch. Gleiches gilt für Proteinverdaulichkeit, Fettsäureprofile und die Wechselwirkung zwischen Nährstoffen in einer verarbeiteten gegenüber einer rohen Matrix.
Wenn also eine Empfehlung lautet «ein Hund braucht X mg Zink pro kg Körpergewicht», dann stimmt dieser Wert als Richtwert. Aber er wurde unter Bedingungen ermittelt, die mit einer selbst zusammengestellten Rohration wenig zu tun haben. Die Übertragbarkeit ist bestenfalls eine Annäherung.
In der Praxis wird das selten kommuniziert. Stattdessen werden Bedarfswerte aus Trockenfutterstudien 1:1 auf BARF-Rationen übertragen, und wenn eine Rohration diese Werte nicht exakt trifft, heisst es schnell «Mangel». Umgekehrt gibt es in der BARF-Szene die Tendenz, Studienergebnisse pauschal abzulehnen, weil sie «nur für Trockenfutter gelten». Beides ist zu kurz gedacht.
Die Wahrheit liegt dazwischen: Die vorhandenen Daten sind die beste Grundlage, die wir haben. Aber man muss wissen, unter welchen Bedingungen sie erhoben wurden, wenn man sie auf eine andere Fütterungsform anwendet.
Wie wir Aussagen einordnen
Nicht alles in der Hundeernährung ist gleich gut belegt. Deshalb arbeiten wir bei foxred & brindle mit einer einfachen Abstufung, die wir auch in unseren Berichten und Artikeln verwenden:
Gut belegt: Die Aussage stützt sich auf mehrere unabhängige Studien oder anerkannte Referenzwerke. Beispiel: Der Kalziumbedarf eines erwachsenen Hundes ist durch den NRC quantifiziert und vielfach untersucht.
Begrenzt belegt: Es gibt Studiendaten, aber die Datenlage ist dünn oder die Ergebnisse sind nicht eindeutig reproduziert. Beispiel: Es gibt Hinweise, dass ein engeres Omega-6-zu-Omega-3-Verhältnis entzündungshemmend wirken kann. Die optimalen Werte für unterschiedliche Lebensphasen und Fütterungsformen sind aber nicht abschliessend gesichert.
Klinisch plausibel: Die Aussage ergibt sich aus dem, was wir über die Physiologie des Hundes wissen, ist aber nicht direkt durch Studien an Hunden belegt. Beispiel: Die Anpassung der Fütterungsfrequenz bei magendrehungsgefährdeten Rassen ist physiologisch nachvollziehbar, randomisierte Studien dazu gibt es kaum.
Unsicher/datenarm: Es fehlen belastbare Daten. Die Aussage beruht auf Einzelberichten, Analogieschlüssen oder Tradition. Beispiel: Kokosöl als Zeckenschutz, Kurkuma als Entzündungshemmer beim Hund oder Bierhefe als Immununterstützung. Alle drei werden häufig empfohlen, die Datenlage beim Hund ist jeweils dünn bis nicht vorhanden. Das heisst nicht, dass sie unwirksam sind. Es heisst, dass man ehrlich sagen muss: Wir wissen es nicht sicher.
Zwei Denkfehler, die immer wieder auftauchen
Der erste: «Es gibt keine Studie dazu, also ist es falsch.» Das stimmt nicht. Fehlende Evidenz bedeutet nicht Wirkungslosigkeit. Es bedeutet nur, dass etwas nicht oder nicht ausreichend untersucht wurde. In der Hundeernährung gibt es viele Bereiche, in denen schlicht zu wenig geforscht wird, weil die Finanzierung fehlt oder das Interesse der Forschung anderswo liegt.
Der zweite: «Es gibt eine Studie dazu, also stimmt es.» Auch das greift zu kurz. Eine einzelne Studie ist ein Datenpunkt. Entscheidend ist, wie sie durchgeführt wurde, an wie vielen Tieren, unter welchen Bedingungen und ob andere Studien zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Gerade in der Tierernährung gibt es Studien, die von Futtermittelherstellern finanziert wurden. Das macht sie nicht automatisch falsch, aber es gehört zur Einordnung dazu.
Warum wir das offenlegen
Transparenz über die eigene Arbeitsweise ist für uns kein Marketing, sondern Grundhaltung. Wenn wir in einer Rationsanalyse oder in einem Artikel eine Empfehlung aussprechen, soll nachvollziehbar sein, auf welcher Basis sie steht.
Wo die Datenlage dünn ist, kommunizieren wir das offen und treffen keine Empfehlung, die wir nicht begründen können. Und wo wir mit Referenzwerten arbeiten, die unter anderen Bedingungen erhoben wurden, benennen wir das, statt eine Genauigkeit vorzutäuschen, die es nicht gibt.
Nicht weil wir uns absichern wollen, sondern weil wir finden, dass du als Hundebesitzer ein Recht darauf hast, das zu wissen.
Wer nachlesen möchte, wie eine Rationsanalyse konkret abläuft und was dabei geprüft wird, findet das in unserem Artikel «Rationsanalyse beim Hund: warum sie so wichtig ist».
Ich bin Jens
Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.
Ich bin Michael
Mitgründer von foxred & brindle und verantwortlich für die BARF-Ernährungsberatung. Artgerechte Fütterung ist für mich kein Trend, sondern Grundlage. Ich schreibe über das, was ich in der Praxis sehe und was Hundehalter wirklich wissen wollen: fundiert, direkt und ohne Umwege.