Die Nase zuerst: Wie Hunde die Welt riechen

Golden Retriever schnüffelt konzentriert am Waldboden auf einem Spazierweg.

Wissen, das bleibt

Die Nase zuerst: Wie Hunde die Welt riechen

Wir Menschen orientieren uns meistens zuerst über die Augen. Hunde erleben die Welt viel stärker über Gerüche. Schnüffeln ist für sie deshalb kein Zeitvertreib, sondern eine Art, Informationen zu sammeln, Entscheidungen zu treffen und ihre Umgebung zu verstehen.

Eine Nase in einer anderen Liga

Die Zahlen werden oft sehr eindrücklich erzählt: mehrere hundert Millionen Riechzellen beim Hund gegenüber nur wenigen Millionen beim Menschen. Solche Werte sind grobe Orientierungen und hängen unter anderem von Rasse, Kopfform und Quelle ab. Entscheidend ist weniger die exakte Zahl als das Prinzip: Die Hundenase ist anatomisch und funktionell stark auf Geruch ausgerichtet.

Beim Schnüffeln wird der Atem- vom Riechluftstrom getrennt, sodass Geruchsmoleküle gezielt zur Riechschleimhaut gelangen können (Craven et al. 2010). Dazu kommt das vomeronasale Organ, das an der Wahrnehmung bestimmter chemischer Signale beteiligt ist. Über Geruch nimmt ein Hund Informationen auf, die uns Menschen oft verborgen bleiben: wer da war, welche Spur frisch ist und welche Stellen für ihn wichtig sind.

Schnüffeln ist Denken

Schnüffeln ist geistige Arbeit. Der Hund verarbeitet Informationen, vergleicht Gerüche, trifft Entscheidungen und bewegt sich dabei selbstbestimmt durch seine Umwelt. Dieser eigene Handlungsspielraum kann wichtig sein.

Eine Studie zeigte, dass Hunde nach zwei Wochen regelmässiger Schnüffelarbeit in einem kognitiven Bias-Test optimistischer reagierten als Hunde aus einer Vergleichsgruppe mit Fussarbeit (Duranton & Horowitz 2019). Das ist kein Beweis dafür, dass jeder Schnüffelspaziergang jeden Hund automatisch entspannt. Es ist aber ein guter Hinweis darauf, dass olfaktorische Beschäftigung mehr ist als nette Ablenkung: Sie kann zum Wohlbefinden beitragen.

Warum der Schnüffelspaziergang unterschätzt wird

Viele Spaziergänge sind auf Strecke und Tempo ausgelegt. Für den Hund ist aber oft der langsamere, schnüffelnde Weg der lohnendere. Ein Weg, auf dem er ausgiebig riechen darf, kann geistig auslastend sein und vielen Hunden helfen, herunterzufahren. Gerade für aufgedrehte, unsichere oder junge Hunde kann Schnüffeln ein guter Gegenpol zu Tempo, Reizdruck und Daueransprache sein.

So gibst du der Nase Raum

Lass deinem Hund unterwegs Zeit zum Schnüffeln, statt ihn an jeder interessanten Stelle weiterzuziehen. Baue kleine Suchspiele ein, etwa Futter im Gras, in der Wohnung oder unter Bechern. Ein bewusster Schnüffelspaziergang, bei dem nicht die Strecke zählt, sondern die Nase, kann ein eigenes ruhiges Format sein.

Wichtig ist auch hier das Mass. Ein Schnüffelweg muss nicht lang sein, und nicht jeder Spaziergang muss ein Programm bekommen. Oft reicht es, dem Hund an ausgewählten Stellen wirklich Zeit zu lassen. Weniger Tempo, weniger Korrektur und mehr Wahrnehmen können mehr bewirken als eine zusätzliche Runde im gleichen Reizdruck.

Wenn du deinem Hund beim Schnüffeln zuschaust, siehst du ihm bei etwas zu, das zutiefst hündisch ist. Ihm dafür Zeit und Raum zu geben, gehört zu den einfachsten Wegen, ihn sinnvoll zu beschäftigen und zufriedener werden zu lassen.

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Quellen und weiterführende Literatur

  1. Duranton, C., & Horowitz, A. (2019): Let me sniff! Nosework induces positive judgment bias in pet dogs. Applied Animal Behaviour Science, 211: 61–66. doi:10.1016/j.applanim.2018.12.009
  2. Craven, B. A., Paterson, E. G., & Settles, G. S. (2010): The fluid dynamics of canine olfaction: unique nasal airflow patterns as an explanation of macrosmia. Journal of the Royal Society Interface, 7(47): 933–943. doi:10.1098/rsif.2009.0490
  3. Kokocińska-Kusiak, A., Woszczyło, M., Zybala, M., Maciocha, J., Barłowska, K., & Dzięcioł, M. (2021): Canine Olfaction: Physiology, Behavior, and Possibilities for Practical Applications. Animals, 11(8): 2463. doi:10.3390/ani11082463
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Ich bin Jens

Mitgründer von foxred & brindle und zertifizierter Hundeinstruktor (HIK-1-plus). Ich trainiere Hunde und ihre Menschen, vom Welpen bis zum Familienhund. Was ich schreibe, kommt nicht nur aus dem Lehrbuch, sondern aus dem, was ich jeden Tag in unserem Indoor-Trainingscenter sehe.